Sie hatten keine Wahl

1. September, 2026 | Ausgabe II/2026, Das Pferd., Das Pferd. [II/2026]

Im Krieg gibt es keine Gewinner, nur Verlierer – und doch wird er geführt. Seit jeher und bis zum heutigen Tag. Über Hunderte von Jahren waren Pferde dabei Seite an Seite mit den Menschen und teilen bis heute deren Leid.

 

Autorin: Sandra Sehringer

Foto: Adobe Stock

Geschichten wie die von Anita Krylova zeigen uns, wie aktuell das Thema Krieg für viele Menschen und Pferde bleibt. Die Pferdetrainerin aus der Ukraine floh im Jahr 2022 mit ihrer Familie und einigen Freunden, acht Pferden, drei Ponys sowie mehreren Hunden und einer Katze nach Polen. Etwa drei nervenaufreibende Wochen lang waren sie unterwegs mit einem selbst umgebauten Pferde-LKW, einem Pferdeanhänger und drei Autos. „Ohne meine Pferde wäre ich nicht gegangen“, schreibt die Ukrainerin später in den sozialen Medien. Nach Kriegsbeginn wurden Vereinigungen wie die „Ukrainian Equestrian Federation Charity Foundation“ gegründet, um verschiedene Hilfsangebote zu koordinieren. Auch heute noch organisieren verschiedene Facebookgruppen Unterstützung für ukrainische Pferdehalter in Form von Futter, Stroh und Medikamenten sowie den Transport zur Grenze Richtung Polen oder Rumänien. In Kriegsgebieten lebende Pferde leiden jedoch nicht nur unter Hunger, Krankheiten und der Bedrohung durch Waffengewalt. Viele von ihnen verlieren durch die Flucht ihre gewohnte Umgebung sowie möglicherweise auch das Vertrauen in die Menschen um sie herum. So hat der Krieg auch langfristige Folgen, die sich mitunter erst mit der Zeit beziehungsweise in bestimmten Stresssituationen zeigen können. Selbst nach einer geglückten Rettung müssen wir als Bezugspersonen dann versuchen, das Vertrauen der Pferde durch besonders behutsames, verständnisvolles und achtsames Zusammenwirken wieder aufzubauen, sodass sie ihre Traumata ebenfalls hinter sich lassen können.

Eroberungen dank der Pferde

Pferde sind soziale und friedliche Tiere. Und doch teilen sie unfreiwillig mit uns Menschen eine lange Kriegsgeschichte. Während sie in der Ukraine heute vor allem indirekt vom Kriegsgeschehen betroffen sind, mussten sie früher selbst aktiv an Kriegen teilnehmen. Wann der erste Mensch auf den Rücken eines Pferdes kletterte, ist nicht überliefert. Aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. gibt es jedoch bereits Abbildungen und Schriften, die das Reiten und die Kriegsführung auf Pferden dokumentieren. Wer Pferde besaß und reiten konnte, war mobil und anderen Völkern stets deutlich im Vorteil. Etwa 800 v. Chr. verbreitete das Reitervolk der Skythen Angst und Schrecken. Die gefürchteten Nomadenkrieger galten als besonders grausam ihren Gegnern gegenüber. Aber sie verehrten ihre Pferde, denn dank deren Schnelligkeit waren sie den anderen Völkern so überlegen, dass sie das gesamte Steppengebiet vom Schwarzen Meer bis zur Mongolei dominierten. Etwa in der Zeit von 200 v. Chr. bis 480 n. Chr. waren Pferde wichtige Voraussetzung für die militärische Macht des Römischen Reiches. Die Römer vernichteten schließlich auch das zentralasiatische Volk der Hunnen, die als nomadisches Reitervolk im 4. und 5. Jahrhundert vom Sattel aus Europa erobert hatten und ihre Stärke ebenfalls den Pferden verdankten. Alte römische Schriften voller Lob und Ruhm verdeutlichen die große Bedeutung der Tiere für ihre Menschen, die sich in den Schlachten sehr nahestanden. Pferde waren für sie weit mehr als nur ein Kampfgerät und Lastenträger. Sie waren vielmehr Partner, Kriegskamerad und Leidensgenosse.

„Pferde waren weit mehr als nur ein Kampfgerät und Lastenträger. Sie waren Partner, Kriegskamerad und Leidensgenosse der Soldaten.“

Archäologen fanden vor etwa einem Jahr im Baden-Württembergischen Bad Cannstatt einen zusammenhängenden Pferdefriedhof mit über 100 Skeletten aus der Römerzeit, denen in Einzelfällen auch Grabbeilagen zur Ehrerbietung beigelegt worden waren. Die Skelette der Tiere weisen ein Pony-Stockmaß von nur etwa 1,40 Metern auf und zeigen an ihren Knochen eine harte und intensive Belastung zu Lebzeiten. So sehr die kriegerischen Reiter ihre wichtigen Begleiter auch schätzten, die Fürsorge und Achtsamkeit, wie wir sie unseren Pferden heute zukommen lassen, genossen die Tiere in diesen Zeiten nicht.

„Das wohl bekannteste und begabteste Reitervolk der Geschichte waren die Mongolen unter Dschingis Khan“, schreibt die Militärhistorikerin Dr. Friederike Hartung, die sich vor allem mit der Rolle des Pferdes in der Kriegsgeschichte beschäftigt. Sie dehnten ihr Reich in der nachrömischen Zeit von circa 1162 bis 1227 von Zentralasien bis weit nach Osteuropa aus. Ihre Pferde seien besonders robust, ausdauernd und genügsam gewesen. Gleichzeitig zeigten sie sich trittsicher in schwierigem Gelände und aufgrund ihrer kompakten Größe sehr wendig. So waren die Mongolen in der Lage, lange Strecken mit einer hohen Geschwindigkeit zurückzulegen und dabei ihre wirksamste Taktik optimal einzusetzen: das Bogenschießen aus vollem Galopp. Dschingis Khan und seine Erben konnten ihr Reich auf diese Weise schließlich auf eine Größe von 33 Millionen Quadratmeter vergrößern. Pferde hatten während dieser Kultur einen besonders hohen Stellenwert. Wer ein Pferd stahl, dem drohte die Todesstrafe.

Pferde galten im Krieg als zuverlässiges Transportmittel für Ausrüstung, Waffen und Munition.
Foto: Adobe Stock

Weltkriege – ohne Pferde undenkbar

Auch unsere jüngere Kriegsgeschichte ist eng verwoben mit der Geschichte der Pferde. So soll Napoleon Bonaparte, der um 1800 herrschte, mehr als 100 Pferde in seinem Stall gehabt haben. Sein Lieblingspferd sei „Marengo“ gewesen, ein kleiner Araberhengst, der den Kriegsherrn selbst dann noch durch dessen historische Schlachten trug, als „Marengo“ bereits durch einen Streifschuss verletzt war. Auch den Russlandfeldzug überlebte der Schimmel. „Marengo“ landete schließlich als Kriegsbeute bei den Engländern, erholte sich jedoch gut und wurde 38 Jahre alt.

Historiker schätzen, dass im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 von allen teilnehmenden Mächten über 18 Millionen Pferde eingesetzt wurden. Sie mussten als berittene Kavalleriepferde sowie später vor allem als Last- und Zugtiere in den Krieg ziehen. Auch wenn die Waffen immer schwerer wurden und vermehrt Eisenbahnen sowie Kraftfahrzeuge im Einsatz waren, so galten Pferde doch immer noch als zuverlässigstes Transportmittel, um Waffen, Munition, Ausrüstung sowie benötigte Lebens- und Hilfsmittel an die Front zu bringen. So entstanden traurige Aufnahmen von Gespannen mit über zwölf Pferden, die sich durch zerwühltes und zerbombtes Gelände quälten, um schwere Geschütze an ihren Einsatzort zu ziehen, sofern sie nicht dabei getroffen wurden. Circa acht Millionen Pferde sollen im Ersten Weltkrieg gestorben sein. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe an der Westfront im Sommer 1918 betrug die Lebenserwartung eines Kriegspferdes gerade einmal zehn Tage.

Kavalleriepferde wurden in beiden Weltkriegen vor allem in unwegsamem Gelände eingesetzt.
Foto: iStock/sergeyussr

Während im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite etwa 1,8 Millionen Pferde im Einsatz waren, nutzte die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945 sogar rund 2,8 Millionen Pferde. Obwohl Panzer, Motorräder und Flugzeuge damals eine sehr große Rolle spielten, blieb der große Krieg ein Krieg der Pferde. Zahlreiche Historiker sind sich sicher: Wäre der Krieg nur mit Fahrzeugen und Maschinen bestritten worden, wäre er schon nach wenigen Monaten zu Ende gewesen. Fahrzeuge kamen nicht durch unwegsames Gelände hindurch, brauchten Ersatzteile, mussten betankt werden oder erlitten im Schnitt einmal im Jahr einen Totalschaden.

Nicht nur eigene Pferde taten in der Wehrmacht ihren Dienst. Gerade russische Pferde, die in großer Zahl erbeutet wurden, erwiesen sich als besonders zuverlässige Helfer. Sie waren die strengen Winter gewöhnt, kamen mit wenig Futter zurecht und trotzten auch bitterkalten Nächten im Freien. Die meisten Pferde zogen Geschütze oder trugen Lasten, so die Militärhistorikerin Dr. Friederike Hartung. Es gab allerdings auch einige Kavallerie-Gruppierungen, die vor allem in sehr schwierigem Gelände eingesetzt wurden.

Fest steht, ohne Pferde wäre heute nichts so, wie wir es in diesen Zeiten erleben, wie sich Europa entwickelt hat, wie sich Völker vernetzt und durchmischt haben, wie Kriege endeten und Ländergrenzen entstanden. Doch wer gibt uns das Recht, Tiere in Kriege zu zwingen, die Menschen gegen andere Menschen führen? Auf vielen deutschen Kriegsgräberstätten wie zum Beispiel in München oder in Treuchtlingen erinnert ein Mahnmal in Form eines Pferdes des Bildhauers und Künstlers Johannes Engelhardt an die Leiden aller Tiere in Kriegen. Auch das offizielle Denkmal „Animals in War Memorial“ im Londoner Hyde Park dient dem Gedenken an die in Kriegen der Briten eingesetzten verletzten und getöteten Tiere. Seine Inschrift lautet passend: „Sie hatten keine Wahl.“

„Wer gibt uns das Recht, Tiere in Kriege zu zwingen, die Menschen gegen andere Menschen führen?“

Aber wir haben eine Wahl. Setzen wir uns ein für Frieden, für gewaltfreie, diplomatische Lösungen, für ein Zusammenleben, das auf Respekt, Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit basiert – für uns alle und unsere Pferde.

Foto: Privat

Kommentar

Ich werde eine Unterhaltung mit meinem Großvater nie vergessen. Als ich ihm mit elf Jahren erzählte, dass ich jetzt reiten lerne, freute er sich und erzählte mir, dass er auch ein Pferd gehabt hätte und geritten sei – im Krieg. Ich bat ihn, davon zu erzählen. Und er sagte: „Ich hatte vorher nie etwas mit Pferden zu tun gehabt, aber da war eine starke Verbindung, wir waren ja aufeinander angewiesen, er war mein Kamerad und Freund. Und in den Momenten, in denen wir nur zu zweit waren, war das das einzige Fleckchen Frieden um uns herum.“

ekor-Redakteurin Sandra Sehringer