Frieden fängt im Kopf an
Ob auf der Bühne, vor der Kamera oder im Stall – Angelina Kirsch begegnet Menschen und Tieren mit einer Offenheit, die ansteckend ist. Viele kennen sie als erfolgreiches Curvy Model, als Moderatorin und Autorin.
Autorin: Wiebke Huck
Foto: Sunniva Stürken
Unsere Leserinnen und Leser durften sie bereits in einer früheren Ausgabe kennenlernen. Dieses Mal möchten wir den Blick auf die Werte richten, die sie abseits des Rampenlichts prägen. Bei ihrem Pferd Flaumi findet Angelina Ruhe, Erdung und Vertrauen – und genau dort beginnt für sie auch Frieden: im respektvollen Miteinander, im Zuhören und in der Fähigkeit, den Moment anzunehmen. Warum Pferde für sie so wichtige Begleiter sind und welche Botschaft sie Menschen mit auf den Weg geben möchte, erzählt sie uns im Interview. In dieser Ausgabe ist Angelina unsere Friedensbotschafterin.
Was bedeutet Frieden für dich persönlich?
Frieden ist ein großes Wort. Einerseits bedeutet er Frieden zwischen Menschen und zwischen Lebewesen im Allgemeinen. Andererseits hat Frieden auch ganz viel mit der eigenen Zufriedenheit zu tun – mit einer Form von Glück. Wer mit sich selbst im Reinen ist, strahlt das oft auch nach außen aus. Frieden fängt im Kopf an.
Viele Menschen sind mit sich selbst oft strenger als mit anderen. Wann hast du gelernt, freundlicher mit dir selbst umzugehen?
Ich glaube, es ist ganz normal, dass wir mit uns selbst oft am strengsten sind. Es ist auch wichtig und gesund, sich selbst kritisch zu hinterfragen, – solange das auf eine liebevolle Weise geschieht. Selbstkritik bedeutet nicht, sich kleinzumachen, sondern ehrlich mit sich zu sein. Sich immer mal wieder zu fragen: Bin ich eigentlich noch glücklich mit mir selbst? Das finde ich einen wichtigen Gedanken.
Wir leben in einer Zeit, in der viele immer nach mehr streben. Was bedeutet Zufriedenheit für dich – und wie findet man sie?
Die eigene Zufriedenheit zu finden, ist ein Prozess. Manchmal muss man dafür arbeiten. Ich habe schon früh gelernt, welchen Weg ich für mich gehen möchte. Andere brauchen dafür vielleicht etwas länger, – und das ist völlig in Ordnung.
Ich musste diese Erfahrung schon als Jugendliche machen. In der Schule gehörte ich nicht zu den Beliebten. Ich stand eben nicht mit den anderen auf dem Schulhof in der Ecke und habe geraucht, weil das einfach nicht zu mir passte. Dadurch war ich natürlich nicht besonders „cool“. Trotzdem habe ich mir damals nicht allzu viel daraus gemacht. Natürlich habe ich abends auch im Bett gelegen und mich gefragt, ob mit mir etwas nicht stimmt. Aber ganz ehrlich? Ich war einfach zu faul, mich zu verstellen. Heute bin ich stolz darauf, dass ich mir selbst treu geblieben bin. Das war rückblickend genau der richtige Weg.
Wie gehst du heute mit Kritik oder negativen Kommentaren um – besonders in den sozialen Medien?
Hate kommt bei mir nicht wirklich an. Ich kann gut unterscheiden, ob eine Bemerkung gut gemeinte Kritik ist oder ob mich jemand einfach verletzen möchte. Wenn es nur um mich geht, prallen negative Kommentare – gerade von Menschen, die mich gar nicht kennen, – komplett an mir ab. Etwas anders ist es, wenn andere mit hineingezogen werden, zum Beispiel mein Pferd Flaumi. Die Verantwortung für mein Pferd nehme ich sehr ernst. Dann muss ich manchmal schon erst einmal tief durchatmen.
Dein Pferd Flaumi kennt dich wahrscheinlich von einer Seite, die die Öffentlichkeit kaum sieht. Was glaubst du: Was würde Flaumi über dich erzählen, wenn er sprechen könnte?
Ich hoffe, er würde mich als fürsorglich, fröhlich und motivierend beschreiben. Ich versuche ihm immer positiv zu begegnen, offen für seine Signale zu sein und ihm zu zeigen, dass ich ihn ernst nehme. Ich habe ihm beigebracht, mir zu vertrauen und mir zu zeigen, wenn etwas nicht stimmt. Das macht er auch sehr zuverlässig. Aktuell haben wir zum Beispiel Schwierigkeiten mit seinem Sattel. Er fühlt sich damit einfach nicht wohl und hat mir das ganz deutlich gezeigt. Deshalb reite ich ihn im Moment nicht. Stattdessen finden wir andere Wege, gemeinsam Zeit zu verbringen und uns zu bewegen, während wir an einer Lösung arbeiten. Flaumi würde sicher bestätigen, dass mir sein Wohlbefinden sehr am Herzen liegt.
Ihren inneren Frieden findet Angelina immer bei ihrem Pferd Flaumi.
Foto: Privat
Pferde begegnen uns ohne Vorurteile. Glaubst du, dass sie uns helfen können, Frieden mit uns selbst zu schließen?
Absolut. Das kennen wahrscheinlich viele Pferdemenschen: Man kommt mit einem Kopf voller Gedanken in den Stall, beschäftigt von allem, was der Tag mit sich gebracht hat. Mir fällt es manchmal auch schwer, abzuschalten. Aber sobald ich Flaumi in die Augen schaue, verändert sich etwas. Pferde haben dieses besondere Talent, uns zu erden. Sie nehmen uns den Stress, holen uns ins Hier und Jetzt und erinnern uns daran, was wirklich wichtig ist.
Pferde reagieren auf das, was wir ausstrahlen. Hat Flaumi dir schon einmal gezeigt, dass du stärker bist, als du selbst in diesem Moment geglaubt hast?
Auf jeden Fall. Als mein Vater sehr plötzlich verstorben ist, hatte ich nur einen Gedanken: Ich musste so schnell wie möglich zu meinem Pferd. Flaumi hat sofort gespürt, dass etwas nicht stimmt. Er hat mich einfach angeschaut – als würde er direkt in mich hineinschauen – und mir allein mit seiner Nähe unglaublich viel Frieden geschenkt. Als ich ihn berührt habe, ist eine riesige Last von mir abgefallen. Ich war fast drei Stunden bei ihm. Natürlich war ich danach immer noch traurig, aber mein Herz fühlte sich nicht mehr so schwer an. Natürlich hilft es oft, mit anderen Menschen zu reden. Aber manchmal braucht es keine Worte. Manchmal reicht es einfach, zu fühlen. Menschen haben oft das Bedürfnis, etwas zu sagen oder Lösungen zu finden. Pferde tun das nicht. Sie sind einfach da. Diese ursprüngliche Verbindung zwischen zwei Lebewesen ist etwas ganz Besonderes. Pferde spüren unsere Gefühle und lassen zu, dass wir uns anlehnen können – körperlich und auch seelisch.
Was hat dich in deinem Leben stärker gemacht: die Erfolge oder die Herausforderungen?
Ganz klar die Herausforderungen. An ihnen wächst man. Sie machen mutiger und lassen einen stärker werden. Natürlich freue ich mich über Erfolge und bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Aber sie fühlen sich besonders wertvoll an, wenn man sich vorher durch Herausforderungen gearbeitet hat. Sie gehören für mich einfach zusammen.
Woran merkst du, dass du mit dir selbst im Reinen bist?
Es ist wichtig, sich immer wieder bewusst mit den eigenen Gefühlen und der eigenen Zufriedenheit auseinanderzusetzen. Denn Unzufriedenheit entsteht oft schleichend. Wenn man sie erst bemerkt, ist sie manchmal schon so groß geworden, dass es viel Kraft kostet, wieder herauszufinden. Jeder einzelne Tag ist kostbar. Natürlich kann nicht jeder Tag perfekt sein, und auch wir selbst müssen nicht jeden Tag perfekt sein. Aber jeder Tag zählt. Oft hört man den Satz, man solle sich selbst nicht so wichtig nehmen. Ich sehe das anders. Natürlich sollte man auf seine Mitmenschen achten und weder egoistisch noch unfair sein. Aber nur wenn man mit sich selbst im Reinen ist, kann man auch wirklich für andere da sein.
Wie meisterst du einen Tag, der nicht so gut läuft?
Oft sind es die kleinen Dinge, die einen schwierigen Tag besser machen. Man muss sie nur bewusst wahrnehmen. Das kann das Zwitschern eines Vogels sein oder ein Lied, das man besonders gerne hört und das einem plötzlich ein Lächeln schenkt. Man muss diese Momente aber auch zulassen und genießen. Wenn mein Mann mir einen Kuss gibt, macht das meinen Tag sofort schöner. Und natürlich hilft es mir immer, zu meinem Pferd zu gehen. Deshalb ist es so wichtig zu wissen, was einem selbst guttut. Dann kann man einen schlechten Tag oft schon mit kleinen Dingen verändern – mit einem Spaziergang, gutem Essen oder schöner Musik.
Unsere Welt wirkt oft gespalten und konfliktgeladen. Was können wir im Alltag tun, um mehr Verständnis und Frieden miteinander zu leben?
Ich glaube, wir sollten wieder mehr Nähe zulassen. In den vergangenen Jahren haben wir gelernt, Abstand zu halten. Das war damals notwendig, aber jetzt dürfen wir auch wieder bewusster aufeinander zugehen. Wenn ich in der Stadt unterwegs bin und mir jemand entgegenkommt, sage ich oft einfach „Guten Tag“. Häufig schauen die Menschen erst einmal überrascht. Früher war das doch ganz normal, – man hat sich gegrüßt, auch wenn man sich nicht kannte. Ich finde es schade, dass das heute oft verloren gegangen ist. Ich wünsche mir wieder mehr Offenheit und Freundlichkeit im Umgang miteinander. Mehr echte Begegnungen, mehr Gespräche und weniger Zeit am Handy. Man sollte das Smartphone ruhig öfter einmal weglegen und stattdessen im echten Leben ankommen. So mache ich das auch. Und im Stall ist für mich sowieso handyfreie Zeit.
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