Ruhe in Frieden

1. September, 2026 | Ausgabe II/2026, Der Mensch., Der Mensch. [II/2026]

Ein Zuhause auf Zeit mit Familienanschluss, persönlicher Begleitung und Pflege voller Ehrlichkeit und Vertrauen – manchmal bis zum Lebensende. Das finden Todkranke und Trauernde auf dem Pferdehof von Familie Pape.

 

Autorin: Sandra Sehringer

Foto: Privat

Eines Morgens war der Zeitpunkt schließlich gekommen, an dem ihr Kampf enden sollte. Und Frank Pape trug seine 15-jährige Tochter Mary wie versprochen in seinen Armen über den Weg vom Haus an den großen Kastanienbäumen vorbei zum Stall. Zu Luna, Marys dunkelbrauner Stute, die zur Begrüßung leise wieherte. Frank Pape legte seine schlafende Tochter sanft auf ihr Heubett, auf dem sie in den letzten Monaten häufig gelegen hatte, um ihrer Seelenverwandten nahe zu sein, um ein bisschen Lebenskraft zu tanken auf ihrem schweren Weg. Luna vergrub ihre warmen Nüstern sanft zwischen Marys Bettdecke und deren Hals. Das Mädchen erwachte und lächelte. „Es tat uns allen gut, zu sehen, dass Luna sie noch einmal zum Lächeln gebracht hatte“, erzählt ihr Vater heute. Wenige Minuten später schlief Mary im Kreise ihrer Familie für immer ein. „Ein Gefühl von Wachheit und innerem Frieden verband uns und ließ alles andere bedeutungslos werden.“

Auf ihrem Heubett im Stall verbrachte Mary wertvolle Zeit mit ihrer geliebten Luna.
Foto: Privat

Ein knappes Jahr zuvor hatte die gerade einmal 15 Jahre alt gewordene Mary ihre Diagnose bekommen: Lungenkrebs in einem unheilbaren Stadium. Plötzlich war alles anders – für sie selbst, aber auch für ihre Familie. Das Mädchen starb nur wenige Wochen vor ihrem 16. Geburtstag, nach einer harten, unerbittlichen Zeit. Doch immer wieder gaben ihr die drei Pferde der Familie die nötige Kraft, weiter zu leben. „Luna ist mein Engel“, schrieb Mary in ihren Erinnerungen, aus denen später ein Buch werden sollte. „Wenn sie wiehert, weil sie mich sieht, ist alle Traurigkeit vergessen.“ Für das Mädchen stand früh fest: Wenn ihre Zeit gekommen wäre, Abschied zu nehmen, wollte sie nicht in einem Krankenhaus sterben, sondern bei ihrem Pferd.

Frank Pape schrieb anschließend das Buch über die Geschichte ihrer letzten gemeinsamen 296 Tage aus den Tagebuch-Aufschrieben seiner Tochter, mit seinen eigenen Ergänzungen und auch mit Gedanken ihrer engsten Angehörigen. Und die Reaktionen auf das Buch ließen nicht lange auf sich warten. „Schon bald erhielten wir die Bitte einer schwer kranken Leserin, auch bei unseren Pferden sterben zu dürfen“, erzählt Frank Pape. So kam es, dass der heute 56-Jährige nach vielen Jahren aktiver Notfallbetreuung in der Jugend- und Feuerwehrseelsorge mit seiner Partnerin bei sich zu Hause sterbende Patienten begleitet. In seiner ehrenamtlichen Hospizarbeit bietet er nicht nur den betroffenen Menschen an, ihren letzten Weg gemeinsam in der Familie und mit den Pferden zu gehen. „Es gibt auch immer wieder Patienten, die sich für ein, zwei Wochen oder auch für ein paar Monate bei uns von ihrer Chemotherapie erholen oder eine Auszeit in Frieden benötigen, in der sie sich nicht verstellen müssen.“ Denn das Gefühl, für Freunde und Angehörige stark sein zu müssen, sei für die meisten Sterbenden eine sehr große Belastung. „Viele hätten immer das Bedürfnis, ihre Partner und Familien nicht mit ihrer schweren Krankheit zu belasten, um ihnen nicht das Leben zu schwer zu machen“, so Frank Pape. „Sie unterdrücken die eigenen Tränen und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie einmal lachen, sie sind nur für sich selbst schwer krank, versuchen ihren Mitmenschen aber Hoffnungen vorzuspielen, die sie gar nicht mehr haben. Das macht einsam!“

Jeder darf einfach sein, wie er ist

Zu Familie Pape kommen manchmal auch Missbrauchsopfer sowie trauernde Angehörige, die durch die gemeinsame Zeit mit dem ehrenamtlichen Seelsorger, mit seiner Partnerin, den Pferden und anderen Menschen in einer schwierigen Phase eine starke Verbindung erfahren. „Manchmal sind drei bis fünf Gäste gleichzeitig bei uns“, erzählt Frank Pape. „Wir kochen und essen zusammen, mal schauen wir zusammen fern oder spielen ein Spiel, mal genießen wir einfach die gemeinsame Zeit am Lagerfeuer oder mit den Pferden auf der Weide.“ Zu Beginn müssten neue Gäste sich meist an den ungewohnten Freiraum gewöhnen. Jeder dürfe so sein, wie er ist, jeder Schrank stehe jedem offen. Dafür wirkten aber auch alle zusammen mit – jeder so, wie er kann. Beim gemeinsamen Kochen könnte beispielsweise einer helfen, das Gemüse zu schneiden, ein anderer lese vielleicht das Rezept vor oder decke den Tisch. Und natürlich gäbe es auch Tage, an denen es Patienten nicht gut genug ginge, um das eigene Zimmer beziehungsweise das Bett zu verlassen.

„Hier darf jeder sein, wie er möchte, für eine gemeinsame und sehr innige Zeit sowie schöne Erinnerungen.“

An deiner Seite, solange du es willst

In der Regel stelle sich schon nach einer kurzen Zeit ein Heimatgefühl ein. Dann seien die Gäste wirklich angekommen und auch bereit für ein Gespräch. „Dabei mache ich ihnen klar: Ich bleibe an deiner Seite, egal, was kommt. Ich begleite und pflege dich, ohne, dass dir etwas peinlich sein muss. Dafür traust du mir zu, dass ich alles aushalte, dass du mich belasten darfst, dass hier keiner für andere stark sein muss. Das ist ein sicherer und ehrlicher Rückzugsort für dich, und du brauchst keine Energie mehr aufzubringen, dich zu verstellen. Du kannst einfach so sein, wie du bist und dich gerade fühlst.“ Und genauso sei es mit den inzwischen vier Pferden der Papes. Pferde seien immer ehrlich und geradeheraus. Sie reagierten unvoreingenommen auf ihr Gegenüber, statt sich verlegen abzuwenden. Es interessierte sie nicht, ob ihrem Gegenüber die Haare und Zähne ausfielen, ob man weine, schweige oder lache. Sie spürten, wenn man ihnen positiv und ehrlich gesinnt ist, und reagierten ebenfalls positiv auf uns.

„Ich kann mir zum Beispiel auch für Gewaltopfer keine besseren Begleiter vorstellen als Pferde“, sagt Frank Pape. „Sie haben eine unglaublich positive Wirkung auf die Betroffenen, die oft erst einmal keine Worte der Anteilnahme wollen, sondern in den großen Tieren schweigende, aber verständnisvolle Beschützer sehen.“ Welch positive Wirkung die Pferde auf ihr Gegenüber haben können, zeigt auch Frank Papes Erzählung von einem drogenabhängigen 17-Jährigen, der von seiner Schulleiterin geschickt wurde. Er war von der Staatsanwaltschaft wegen eines Gewaltverbrechens angeklagt worden und erhielt seine letzte Chance, um der Justizvollzugsanstalt zu entgehen. „Der Teenager kam bei uns an, lag drei Tage nur faul und selbstverliebt auf dem Sofa und weigerte sich, mitzuhelfen“, erinnert sich Frank Pape. „Ich sagte dann zu ihm: Überlege dir, ob du wirklich so sein willst! Dann brauchst du nicht mehr wieder zu kommen.“

Der Jugendliche rief tatsächlich noch einmal an und kam ein zweites Mal zu Familie Pape, – dieses Mal ging er mit Möhren in der Hand zu den Pferden auf die Weide, um sich einmal ‚nützlich‛ zu machen. Alle vier Pferde waren zwar gekommen, drehten aber sofort wieder um und wollten nicht einmal eine Möhre. „Das war der entscheidende Moment, als dem Jungen klar wurde, dass nicht einmal die Tiere noch etwas mit ihm zu tun haben wollten, – und ihm traten Tränen in die Augen“, erzählt Frank Pape. „Ich erklärte ihm, dass er mit seiner Art Boshaftigkeit ausstrahlte und die Pferde deshalb Angst vor ihm hatten.“ Ab diesem Tag habe der 17-Jährige sieben Monate lang jeden Tag mitgearbeitet. Allerdings seien das zu Beginn sehr einfache Arbeiten gewesen, da er schnell überfordert und daraufhin frustriert gewesen sei. Die Drogen hätten bewirkt, dass er nicht einmal bis zehn zählen oder selbst niederschwellige Entscheidungen treffen konnte. Und doch gab es Fortschritte und auch der Entzug gelang. „Wir haben ihm am Ende sogar bei seiner Bewerbung für einen Ausbildungsplatz geholfen, und die Staatsanwaltschaft nahm die Anklage zurück.“

In manchen Fällen kämen Patienten auch nur für ein oder zwei Tage, ohne sich wirklich einzuleben. So rief zum Beispiel einmal eine Mutter an und erzählte von ihrer krebskranken 17-jährigen Tochter, die Papes Buch gelesen hatte und sich so sehr wünschte, auch einmal einem Pferd zu begegnen, es zu berühren und vielleicht sogar reiten zu dürfen. Und Sina kam tatsächlich, sie lernte Luna kennen und war fasziniert. Sie durfte aufsteigen und ritt ohne Longe los, obwohl sie noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen hatte. „Plötzlich galoppierte sie an, riss freudestrahlend die Arme hoch und lachte – das erste Mal seit ihrem langen Leidensweg“, erzählt Frank Pape. „Kaum war sie wieder zu Hause, schwärmte sie an jedem ihrer verbliebenen Tage von Luna und ihrem beeindruckenden Ritt.“

Frank Pape ist nun seit 25 Jahren in der Sterbebegleitung tätig und hat selbst erleben müssen, was es bedeutet, einen geliebten Menschen zu verlieren. Woher nehmen er und seine Familie die Kraft, rund um die Uhr da zu sein für Menschen, die sie brauchen, die selbst ihrem Ende entgegensehen, die um einen geliebten Menschen trauern oder in einer schweren Krise stecken? Natürlich gebe es Momente, in denen auch die Papes weinen und leiden. „Aber wir haben eine sinnstiftende Aufgabe, die wir von Herzen ausüben“, sagt der 56-Jährige. „Und es gibt auch sehr schöne Momente, – und das Pflegen unserer Patienten ist nicht wirklich Arbeit für mich.“ Neue Kraft tankten er und seine Partnerin – wie auch Mary – vor allem bei ihren Pferden. Die Stallarbeit, meistens früh morgens, sei ein wichtiger Moment für ihn. Und wenn die Zeit es zuließe, ritten sie gerne gemeinsam ins Gelände. Das helfe, im Hier und Jetzt zu sein, durchzuatmen und nicht an Traurigem aus der Gegenwart oder der Vergangenheit festzuhalten. „Wir stellen uns auch nicht vor, wie unsere Tochter heute aussehen würde oder was ohne ihre Krankheit gewesen wäre. Sondern wir erinnern uns liebevoll daran, was wir alles Schönes zusammen hatten.“

Foto: Privat

Experte

Frank Pape hat fünf Kinder und lebt mit seiner Partnerin sowie vier Pferden auf dem eigenen Hof in Ostwestfalen. Nach vielen Jahren der aktiven Notfallbetreuung in der Jugend- und Feuerwehrseelsorge engagiert er sich heute in der Hospizarbeit und der Begleitung sterbender Patienten sowie trauernder Angehöriger. Gleichzeitig betreibt die Familie eine Kaffeerösterei und Chocolaterie. Frank Papes Tochter Mary hat ihre letzten Wochen auf dem Familienhof verbracht und insbesondere bei ihrem Pferd Luna viel Kraft getankt. Zusammen mit Mary schrieb Frank Pape sein erstes Buch „Gott, du kannst ein Arsch sein!“ über Liebe, Enttäuschung, Trauer, Hoffnung, Wut und Rebellion.

familienroesterei.de