Harmonische Paare

1. September, 2026 | Ausgabe II/2026, Ein Team., Ein Team. [II/2026]

Rennreiterin Janina Boysen schult ehemalige Rennpferde zu zufriedenen und zuverlässigen Freizeitpartnern um. So werden die ambitionierten Stars der Geschwindigkeit in ihrem neuen Zuhause zum geliebten Familienmitglied.

 

Autorin: Sandra Sehringer

Nero hat sein zweites Zuhause bei der 15-jährigen Stella gefunden und genießt sein Leben als Freizeitpferd.
Foto: Privat

Grüne Wiesen, weitläufige Felder und Wald, soweit das Auge reicht. Rund 60 englische Vollblüter tummeln sich auf einer der riesigen Koppeln, ein paar fressen zufrieden, andere kraulen sich gegenseitig, manche spielen und rennen zusammen. Und auch am Gatter stehen neugierige Pferde, die darauf warten, zum Training abgeholt zu werden. „Oft kann man beim sozialen Miteinander und in der Rangordnung der Herde schon erkennen, welche Pferde auf der Rennbahn besonders ehrgeizig nach vorne wollen und sich gerne mit ihren Artgenossen messen“, erzählt Janina Boysen. Denn die meisten der Pferde haben einen schnellen Job. Sie laufen im Rennsport. Zehn von ihnen trainiert Janina Boysen persönlich. Die 38-Jährige ist amtierende Weltmeisterin der Amateur-Rennreiterinnen und lebt und arbeitet auf der Stallanlage von Frank Fuhrmann in Möser in Sachsen-Anhalt. Das soziale Miteinander, die seelische Ausgeglichenheit und das abwechslungsreiche Training der edlen Pferde sind dem ganzen Team um Janina Boysen stets wichtig. So gehören neben dem Training auf der Rennbahn, je nach Vorliebe des einzelnen Pferdes allein oder in der Gruppe, immer wieder Ausritte im Gelände, Dressur zur Gymnastizierung auf dem Reitplatz oder auch die Arbeit im Roundpen. „Einige Pferde gehen nur einmal in der Woche auf die Rennbahn, manche sogar nur zu den Rennen selbst“, sagt Janina Boysen. „Aber natürlich ist der Rennsport ein anspruchsvoller Job.“

Meistens würden Rennpferde ihre aktive Sportkarriere mit etwa fünf bis sieben Jahren beenden. Es gäbe jedoch auch Vollblüter, die nur ein Rennen in ihrem Leben starten oder auch gar keins. „Die meisten Vollblüter lieben das Galoppieren, aber nicht alle eignen sich für Rennveranstaltungen“, erklärt die Rennreiterin. Manche Pferde blühten bei der Atmosphäre auf einem Rennen regelrecht auf, sie seien bis zum Start ganz entspannt und ließen sich problemlos von unbekannten Menschen in die Startbox führen. „Andere möchten fremde Menschen erst einmal in Ruhe kennenlernen und sich alles genau anschauen, bevor sie bereit sind, zu laufen.“ Für diese Pferde sei der Rennsport einfach nicht das Richtige, so Janina Boysen. „Das Rennpferd-Sein müssen sie schon wollen.“

Wer mit der Rennreiterin spricht, spürt ihre große Leidenschaft, nicht nur für den Sport selbst, sondern vor allen Dingen für die Vollblüter. „Sie sind etwas ganz Besonderes, intelligent, sehr gelehrig und sie wollen ihrem Menschen gefallen und einen Job haben, aber sie sind auch sensibel und benötigen klare Anweisungen, damit es nicht zu Unsicherheiten kommt. – Ich vergleiche sie immer ein bisschen mit Border Collies, den arbeitswilligen Genies unter den Hunden.“

Paare, die zusammenbleiben

Spätestens nach ein paar Jahren dürfen Rennpferde in der Regel „in Rente“ gehen. Sehr erfolgreiche Stuten oder Hengste können in die Vollblut-Zucht wechseln. Die meisten Galopper gehen nach ihrer Sportkarriere jedoch an Freizeitreiterinnen und -reiter. „Ich habe mit etwa zehn Jahren mit dem Voltigieren begonnen, bin anschließend viel ins Gelände und auch lange Dressur und Springen im Freizeitbereich geritten“, erzählt die heutige Weltmeisterin. Sie habe währenddessen ihren Trainerschein im Breitensport gemacht und Beritt für Jungpferde angeboten. Dabei traf sie das erste Mal auf die faszinierenden englischen Vollblüter. Zum Rennsport sei die gebürtige Kölnerin jedoch erst im Alter von 30 Jahren gekommen. Und dort ist sie bis heute aktiv und sehr erfolgreich – bis hin zum Weltmeistertitel der Amateur-Rennreiterinnen im Jahr 2025.

Aufgrund ihrer reiterlichen Laufbahn kenne sie die Wünsche und Bedürfnisse eines Freizeitreiters ebenso wie die Besonderheiten eines Vollblüters beziehungsweise eines ehemaligen Rennpferdes. „Ich weiß genau, was ein Pferd, das bisher Rennen gelaufen ist, später im Freizeitbereich erwartet und wo sich die jeweilige Ausbildung der Pferde und Reiter unterscheidet. Um die Pferde optimal darauf vorzubereiten und spätere Missverständnisse zu vermeiden, habe ich mich seit 2021 auf die Umschulung und Vermittlung von Rennpferden spezialisiert.“ Für sie und ihr Team käme nie in Frage, die Pferde nach ihrer Rennkarriere ohne weitere Ausbildung an einen neuen Besitzer zu geben und nicht zu wissen, ob es zusammen harmoniert. „Ich möchte für jeden ehemaligen Galopper und auch für jedes Vollblut, das kein Rennen gelaufen ist, eine liebevolle Familie, ein Zuhause mit fester Bezugsperson finden“, sagt Janina Boysen. „Harmonische Paare, die für immer zusammenbleiben – das ist mein Ziel!“

„Ich möchte für jeden ehemaligen Galopper eine liebevolle Familie, ein Zuhause mit fester Bezugsperson finden.“

Ein besonders erfolgreiches Team: Janina Boysen und der Vollblüter Nero d‘ Avolo xx (re.).
Foto: Privat

Auf sanfte Weise Neues lernen

Unabhängig davon, ob man im Freizeitbereich springen, Dressur reiten, Westernreiten oder im Wald spazieren gehen möchte, – damit ein ehemaliger Rennbahnstar zum friedlichen Freizeit- und Familienpferd werden kann, ist es wichtig, die erheblichen Unterschiede der Disziplinen zu kennen. „Das fängt schon beim Aufsteigen an“, sagt Janina Boysen. „Der Sattel eines Rennpferdes ist extrem leicht, der Jockey wird außerdem immer aufs Pferd gehoben und steigt nicht vom Boden oder einer Aufstieghilfe auf, – das aber gehört beim Freizeitreiter zu den Basics.“ Während des Galoppierens steht ein Jockey stets im Sattel, das Pferd spürt also keine Beine und keine schweren Steigbügel links und rechts seitlich an seinem Bauch, wie bei anderen Reitdisziplinen. „Ein besonders entscheidender Unterschied ist aber vor allem: Wenn ein Rennreiter seinen Körper anspannt und die Zügel annimmt, heißt das für das Rennpferd: Endspurt“, erklärt die Rennreiterin. „Ein Freizeitreiter dagegen spannt sein Kreuz an und nimmt die Zügel auf, um zu bremsen!“ Da seien ohne eine gute Umschulung Missverständnisse vorprogrammiert. Aus diesem Grund lernten die Pferde in ihrer neuen Ausbildungsphase die neue Hilfengebung kennen und würden sanft an ihre zukünftigen Anforderungen herangeführt. Auf einem Reitplatz kämen außerdem immer wieder Pferde entgegen oder überholten in einer höheren Gangart. Auch daran müssten sich ehemalige Galopper erst gewöhnen, um nicht unerwünscht zu reagieren.

Alle Vollblüter erhalten bei Janina Boysen ein individuelles, abwechslungsreiches Training.
Foto: Privat

„Rennpferde kennen in der Regel keinen Gegenverkehr, keine Longenarbeit und keine Ausbinder oder Dreieckszügel“, erzählt die Trainerin weiter. „Auch das Ablegen einer Jacke auf der Bande sowie Spiegel in der Reithalle sind für Rennbahnpferde neu.“

Darüber hinaus lernen die jungen Pferde während ihrer Umschulung, dass man vom Sattel aus nachgurten oder die Steigbügel verstellen kann, dass sich der Reiter dabei auf ihrem Rücken bewegt und zur Seite neigt, dass ein Klopfen am Hals ein Lob darstellt und ein Langlassen der Zügel das Ende des Trainings bedeuten kann. Auch ein beidseitiges Anbinden in der Stallgasse ist für Rennpferde unbekannt. Dass sie allein oder mit anderen Pferden im Gelände und auf der Bahn in allen Gangarten gehen und durchparieren können, dass sie im Wald kontrolliert über Baumstämme springen und problemlos Hänger fahren, ist bei Janina Boysens Rennpferden dagegen selbstverständlich. Sie kennen auch LKW, Traktoren und herumspringende Hunde. Vollblüter seien generell viel weniger schreckhaft als Warmblüter, so die Trainerin und Rennreiterin. „Sie kennen Hüpfburgen direkt neben der Rennstrecke, Sonnen- und Regenschirme, jubelnde Menschen, Musik und Lautsprecher, – und keins unserer 60 Pferde buckelt oder steigt, das kenne ich gar nicht.“

Ein Herz und eine Seele

Wichtig sei, dass sich nicht nur das ehemalige Rennpferd auf seine neue Lebensphase als Familienmitglied und Freizeitpferd umstelle. Auch die Menschen, die sich für einen Vollblüter interessierten, müssten sich informieren, was sie erwartet. „Denn selbst wenn unsere Vollblüter ihre Umschulung nach ein bis sechs Monaten erfolgreich durchlaufen haben, bleiben es trotzdem Vollblüter“, gibt Janina Boysen zu bedenken. In der Regel sei eine feste Beziehungsperson wichtig, die mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auf das Pferd zuginge, ruhig, aber bestimmt, mit klaren Kommandos und Hilfen. „Die meisten unserer Vollblüter eignen sich daher eher nicht für absolute Reitanfänger, aber es ist erstaunlich, wie anpassungsfähig sie sind und wie sie sich auch auf schwächere, weniger erfahrene Reiter einstellen.“ So habe sie vor zwei Jahren beispielsweise den neunjährigen „Nero d‘ Avolo xx“ an ein junges Mädchen und dessen Familie verkauft. Mit dem braunen Vollblüter hatte Janina Boysen im Jahr 2019 ihr allererstes Rennen für Frank Fuhrmann bestritten – und gleich gewonnen. „Die Zukunft des kleinen Wallachs lag mir schon sehr am Herzen, – und heute sind die 15-jährige Stella und er ein Herz und eine Seele, sie gehen inzwischen sogar erfolgreich regionale Springturniere. Das freut mich sehr.“ Manche Interessenten kämen auch mit dem Wunsch, Dressur oder Western zu reiten, Wanderritte zu unternehmen oder mit dem Pferd gemütlich spazieren zu gehen. „Einmal ging eins meiner ehemaligen Rennpferde sogar zum gerittenen Bogenschießen.“

Die Dauer einer erfolgreichen Umschulung hängt individuell vom Pferd ab. Jedes Pferd bekäme die Zeit, die es bräuchte. So kann es sein, dass ein sehr junger Vollblüter bereits nach einem Rennen zu Janina Boysen in die Umschulung kommt oder sogar bevor er überhaupt ein Rennen gelaufen ist. Bei ihm sei die Ausbildung voraussichtlich einfacher und kürzer als bei einem Galopper im Alter von sechs oder sieben Jahren, der seit einigen Jahren erfolgreich Rennen gelaufen und demnach schon viel kräftiger und gefestigter sei. „Es gab auch schon ein Pferd, das mir von einem anderen Rennstall zur Umschulung gegeben wurde, weil er auf einer Rennveranstaltung gestresst reagierte“, erzählt die Trainerin. „Und während der Umschulung entwickelte er sich so gut, dass er doch noch ein Rennen gestartet ist.“ Andere Pferde würden durch die Umschulung so cool und tiefenentspannt, dass man sie nur mit Halfter und ohne Sattel spazieren reiten könnte.

Einige Besonderheiten der ehemaligen Rennstars änderten sich jedoch nicht. So müssten zukünftige Vollblut-Besitzer zum Beispiel beachten, dass die Haut und auch die Sohle der Hufe dünner und empfindlicher sei. Daher bräuchten die Pferde in der Regel Hufeisen oder Hufschuhe und könnten nicht barhuf geritten werden. Im Winter könnte es außerdem sein, dass sie draußen eine Decke bräuchten, da sie oft kein dickes Winterfell ausbildeten. Den Aufenthalt im Freien bei Wind und Wetter seien ihre Tiere jedoch alle gewöhnt. „Rennpferde sind auch vom Magen her tendenziell etwas sensibler. Sie kennen normalerweise keine Pellets. Stattdessen raten wir zu viel Heu, eventuell zu haferfreien Müslis, auch Rübenschnitzel und Mash fressen sie gerne.“ Dick füttern dürfe man die Tiere jedoch nicht. Natürlich verändere sich die Muskulatur, wenn ein Pferd aus dem aktiven Renntraining herausgenommen würde und weniger beziehungsweise anders bewegt würde. „Da darf man nicht erschrecken, wenn sich die Muskeln der Athleten zurückbilden, und versuchen, das mit mehr Futter auszugleichen.“

„Jedes Lebewesen hat es verdient, dass wir seinen Charakter anerkennen, seine Stärken fördern und ihm individuell Zeit lassen.“

Aber auch nach einer geglückten Umstellung auf das Leben als Freizeitpferd mit Familienanschluss müssten wir den Tieren ausreichend Zeit und Ruhe lassen, um anzukommen. Dabei helfe auf jeden Fall, das gewohnte soziale Miteinander mit Artgenossen beizubehalten, viel freie Bewegung an der frischen Luft und die große Liebe des neuen Besitzers. „Manche Interessenten brauchen drei bis vier Monate, bis sie ihr neues Pferd bei uns richtig kennengelernt und ins Herz geschlossen haben und sich sicher sind, dass es rundum passt“, sagt Janina Boysen. „Bei anderen ist es Liebe auf den ersten Blick. Unsere Vollblüter sind nun mal etwas ganz Besonderes und wir versuchen alles, ihren optimalen Partner fürs Leben zu finden.“

Foto: Privat

Expertin

Janina Boysen ist amtierende Weltmeisterin der Amateur-Rennreiterinnen. Sie hat sich seit 2021 auf die Umschulung und Vermittlung von ehemaligen Rennpferden spezialisiert. Nebenbei ist sie weiterhin als Amateur-Rennreiterin, Besitzertrainerin und Trainerin im Breitensport tätig und unterwegs. Ihr ist es bei ihrer Arbeit besonders wichtig, mit Ruhe und Geduld eine Beziehung zwischen Mensch und Pferd aufzubauen, in der die Bedürfnisse und Wünsche beider Seiten erfüllt werden. So, dass am Ende Mensch und Pferd sowie deren Erwartungen, Hoffnungen und Vorlieben zueinander passen.

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