Ganz ohne Filter

1. September, 2023 | Ausgabe II/2023, Der Mensch., Der Mensch. [II/2023]

Die kenne ich doch! Ja genau, Lea Kristin Rösch ist Marketing­managerin und Journalistin, den meisten aber vermutlich ­von Instagram bekannt. Sie ist seit 2020 selbstständige Influencerin ­ im Bereich Lifestyle und Reitsport. Und hat mittlerweile über 150.000 Follower. Was uns gefällt: Kristin zeigt auch, wenn etwas mal nicht so gut läuft und liefert realistische Einblicke. Dazu gehören auch Krankheit und Tod des eigenen Pferdes. Unverblümt, ganz ohne Filter.

Autorin: Ines Vollmer

Auf ihrer Stute Dancera genießt Kristin jeden Augenblick.
Foto: Bianca Pirchner

Liebe Kristin, deine Fans schätzen deine Authentizität und Nahbarkeit auf deinem Instagram-Channel „derdismero“. Du versuchst das reale Pferdebesitzerleben mit all seinen Höhen und Tiefen zu zeigen. So wie du bist.
Viele Jahre konnte dich deine Community auf der Reise mit deinem Wallach Dismero begleiten. Dabei hast du offen thematisiert, dass nicht immer nur die vermeintliche Rosa-Wölkchen-Pferdemädchenwelt an der Tagesordnung ist. Dismero war lange krank und euer Alltag war geprägt von Fahrten in die Klinik.

Gab es in dieser Zeit Momente, an denen du ans Aufhören gedacht hast? Ans Aufhören deine Community daran teilhaben zu lassen, weil die emotionale Last für dich selbst zu schwer war, aber auch ans Aufhören mit der Reiterei und den Pferden?

@derdismero: Ganz im Gegenteil! Meine Community hat mir gerade in diesen schwierigen Zeiten extrem viel Halt gegeben und tut das auch noch heute. Ich stoße bei meinen Follower:innen immer wieder aufs Neue auf sehr viel Verständnis und Mitgefühl, wenn ich herausfordernde Momente teile. Das ist gerade in der pferdigen Social Media Bubble nicht immer selbstverständlich, deshalb bin ich umso glücklicher, dass ich mit meiner Community zusammen einen Ort geschaffen habe, an dem wir offen und ehrlich über unsere Probleme, Ängste und Zweifel sprechen können. Auch darüber, dass ich – bevor ich meine Stute gefunden habe – lange und intensiv darüber nachgedacht habe, nicht nur den Reitsport, sondern alles rund um die Pferde an den Nagel zu hängen. Ich war nach Dismeros schier endloser Krankheitsgeschichte und seinem Tod einfach so ausgebrannt, dass ich eigentlich erstmal einen Cut ziehen wollte. Aber dann kam alles anders.

Dismero wird immer ein Teil von Kristins Leben sein.
Foto: Lena Tiefel

Wie hast du dir die Leichtigkeit im Sein und Handeln mit Dismero bewahrt? Was war deine Motivation?

@derdismero: Mit sechs Jahren hatten wir Dismero das erste Mal fast verloren. Nach der Kolik-OP hat unser Tierarzt gesagt, dass wir froh sein können, wenn das Pferd überhaupt zehn Jahre alt wird. Von diesem Tag an, habe ich jeden folgenden noch mehr geschätzt, als ich es eh schon tat. Dismero war ein ganz besonderes Pferd. Er hat mein Herz berührt wie kein zweiter. Deshalb habe ich versucht, unsere Zeit so schön zu machen, wie es nur irgendwie geht – wohl wissend, dass es jeden Tag vorbei sein könnte. Dabei habe ich versucht nicht in Angst um das Ende zu leben, sondern in Dankbarkeit um jeden neuen Tag und jede neue Chance für uns.
Am Ende ist er übrigens 16 Jahre alt geworden. Sehr jung, aber irgendwie eben auch sehr alt.


Nach deiner Reise mit deinem „once-in-a-lifetime-horse Dismero“ zog deine heutige Stute Dancera bei dir ein. Man merkt in deinen Posts, wie sehr du es zu schätzen weißt, dass sie gesund ist! Hat deine „Ceri-Maus“ ­denselben Stellenwert wie Dismero? Vergleichst du die beiden Pferde miteinander oder sind es zwei Kapitel in deinem Leben, wie eine neue Liebesbeziehung?

@derdismero: Ich vergleiche Ceri und Dismero nicht. Wenn ich einen Vergleich ziehen muss, dann würde ich aber wohl lieber den von Geschwistern wählen. Weil ich beide bedingungslos liebe, mit ihren Stärken und Schwächen und genau so, wie sie eben sind und das ohne, dass eine von beiden Lieben jemals enden müsste. Ohne dass eine Liebe größer oder kleiner wäre oder wertvoller. Es sind zwei Lieben, die beide unglaublich viel Bedeutung haben für mein Leben.


Im Training reitest du bis zu hohen Dressurlektionen mit Dancera. Du überlegst dir jedoch genau, wann du euer Können tatsächlich auf einem Turnier überprüfst. Es geht bei dir nicht um Turnierteilnahmen um jeden Preis, sondern um ein gutes Gefühl mit deinem Pferd. Dabei ist deine Einstellung immer pro Pferd. Wie ist dein Bild von der Dressurreiterszene: Findet auch hier ein Wandel hin zu Leichtigkeit und Miteinander statt oder muss sich noch mehr verändern als beispielsweise die Richtlinien der FEI zum Thema Handling der Pferde in Prüfungen und Ausrüstung?

@derdismero: Gerne würde ich ein rosarotes Bild zeichnen, aber wem will ich etwas vormachen. Ja, es gibt gewiss einen Wandel in die richtige Richtung, aber wir sind im Turniersport noch lange nicht da, wo wir längst sein sollten und wenn ich mich so umsehe, frage ich mich auch ernstzunehmend, ob wir da jemals gesammelt hinkommen. Denn egal ob man beim Dorfturnier um die Ecke zusieht oder auf den großen Turnieren, Harmonie und Partnerschaft werden noch immer viel zu oft klein geschrieben. Auf den Abreiteplätzen und in Prüfungen, aber oft genug auch drum herum. Deshalb bräuchte es meiner Meinung nach noch deutlich mehr Tierärzt:innen, Richter:innen und Stewards, die pro Pferd durchgreifen. Damit die tollen Vorbilder, die durchs Viereck tanzen irgendwann keine Ausnahmen mehr sind, sondern die Regel.

 

Was reizt dich am Dressurreiten?

@derdismero: Dressurreiten ist für mich eine Kunst. Eine Kunst, die nicht nur sehr viel Einfühlungsvermögen und Präzision, sondern vor allem auch Verantwortungsbewusstsein für den Partner verlangt. Sich und diese mächtigen Tiere mit Leichtigkeit und Spaß durch die Spannungsfelder zu manövrieren, die auf dem Weg zur angestrebten Perfektion lauern und vor allem auch durch die Herausforderungen, die der Sport an Reiter:innen stellt, ist für mich eine nie endende Faszination.

Man hat dich auch schon auf einem Westernpferd oder auf dem Vielseitigkeitsplatz und mit Halsring reiten sehen. Warum ist dir dieser Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin so wichtig?

@derdismero: Weil es das bringt, weswegen wir alle irgendwann mal angefangen haben: Spaß! Die Abwechslung hilft mir, mich zu erden und mich auf das zu besinnen, was beim Reiten am Ende wirklich zählt. In andere Disziplinen zu schnuppern und zu sehen, was man alles nicht kann oder rein theoretisch können könnte, ist außerdem eine super Möglichkeit, um sich neu zu motivieren, Ängste zu überwinden, neue Lösungsansätze für Probleme zu finden und auch sich selbst besser kennenzulernen.

Harmonie und Partnerschaft stehen für die Influencerin auch beim Dressur­training an oberster Stelle.
Foto: Bianca Pirchner

„Ich will Spaß auf und mit meinem Pferd haben und Harmonie spüren.“

Du schreibst auch offen reflektierend über Momente beim Reiten, in denen du zum Beispiel die komplette Anspannung und Hektik des Pferdes übernommen hast. Wie gehst du damit um? Wie findest du zurück in eine Leichtigkeit mit deinem Pferd?

@derdismero: Mir hilft es extrem, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und mich dabei daran zu erinnern, was ich eigentlich will. Egal ob ich im Gelände bin, beim Training oder auf dem Turnier. Ich will Spaß auf und mit meinem Pferd haben und Harmonie spüren. Und weil das mit Chaos im Kopf, Hektik im Körper oder Wut im Bauch nicht funktioniert, versuche ich, all das auszublenden und mich nur auf mein Pferd zu konzentrieren und auf unser beider Bedürfnisse. Da hilft es wie gesagt manchmal schon, wenn ich den Stress einfach wegatme. Manchmal hilft es mir aber auch zu singen, denn wer singt, kann keine Angst haben. Klingt verrückt, aber probiert es mal aus! Und in wieder anderen Situationen gehe ich einfach ein paar Schritte zurück und fange da an, wo ich nicht überfordert bin.
Das alles klappt oft genug, manchmal aber auch nicht. Dann muss ich absteigen und direkt einen Haken dahinter machen. Weil morgen ein neuer Tag ist und auch, weil unser Hobby viel zu schön ist, um sich ständig nur darüber zu ärgern, was noch nicht klappt oder was man besser machen könnte.


Deine étalon vert Kollektion „be the real you“ transportiert eine Message, die dir offenkundig am Herzen liegt. Man ist oft überangepasst, wie du auf deinem Kanal schreibst, und nicht mehr ganz man selbst. Warum meinst du ist es so schwierig im Reitsport man selbst und echt zu sein?

@derdismero: Es liegt im menschlichen Naturell, gefallen zu wollen. Ohne andere Menschen überleben wir nicht, deshalb sind wir evolutionär darauf ausgelegt, uns anzupassen. Gefallen zu wollen, ist also per se erstmal überhaupt nichts Schlimmes. Das Problem ist aber, dass man bei all dem Angepasse schnell vergessen kann, wer man eigentlich ist. Man vergisst, für was man selbst steht oder stehen möchte und überhört auch schnell die Stimme im Körper, die zwar leise ist, aber unsagbar wichtig: Das Bauchgefühl.

Wir bewegen uns im Reitsport in einer überaus privilegierten Welt, in der Geld für viele Menschen eine untergeordnete Rolle spielt. Schaut man sich auf den Turnierplätzen oder bei Social Media um, kann schnell der Eindruck entstehen, dass das zehnte Paar Maßstiefel genau so normal ist, wie die millionenschweren Pferde und Schränke voller Equipment, die den Wert eines Kleinwagens haben. Außerdem gibt es mittlerweile eine Flut an neuen Trainingsmethoden, Equipment und scheinbaren Innovationen, auf die man an jeder Ecke stößt und von denen jede:r mehr oder weniger beansprucht, unabdingbar zu sein. Dass man da mal vergessen kann, was eigentlich wichtig und richtig ist und was man wirklich braucht, ist menschlich.

Gerade deswegen ist es aber auch so notwendig, immer wieder kritisch zu hinterfragen, was man den lieben langen Tag mit und für seine Pferde tut. Dass man sich erinnert, wer man ist oder sein will. Dass man sein wahres Ich ist und versucht, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln. Für sich und das Pferd und für niemanden sonst.