Prämienhengst Financiero JF vom Gestüt Sueno Negro ist in der höchsten Dressurklasse erfolgreich. Foto: J. Ströhlin

Autorin: Gabriela Grau

Wir haben uns gefragt, wie sich die Zucht verschiedener Rassen aktuell präsentiert, ob es Trends gibt und vielleicht auch die eine oder andere negative Tendenz.

Friesen
Stephanie Dietrich, Friesen-Gestüt Wickeschliede

Stephanie Dietrich, Friesenzüchterin, 
Gestüt Wickeschliede. Foto: Rowel

„Die Friesenzucht ist im Moment gefragter denn je. Bei den Anfragen wird deutlich, dass sich die deutschen Kunden eher den barocken, mittelgroßen Friesen wünschen und alle anderen Nationen den sportlichen, großen, rittigen Friesen. Dahingehend hat sich die Zucht in den vergangenen 100 Jahren wenig verändert. Denn auch damals gab es schon die großen, leichten, sportlichen Friesen.
Die Zahlen innerhalb des KFPS weltweit zeigen, dass die Zucht rückläufig ist. Während 2019 noch 4.000 Fohlen geboren wurden, sind es 2020 nur knapp 2.700 gewesen. Die Zahlen für die Zuchtsaison 2021 liegen uns noch nicht vor (Anmerk. d. Red.: z. Zeitpunkt d. Redaktionsschluss). Daher sind auch die Preise für Friesen im Moment sehr hoch. Ein großes Problem der Züchter aktuell ist auch, dass die Zucht immer kleiner wird und wir Züchter daher noch genauer die Stammbäume der Zuchttiere prüfen müssen, um einen hohen Inzucht- und Verwandtschaftsgrad zu vermeiden. Wir brauchen innerhalb der Friesenzucht eigentlich frisches Blut und es müssen die vorhandenen Hengste, die schon sehr niedrig in der Inzucht und im Verwandtschaftsgrad sind, mehr genutzt werden. Wenn jeder Züchter nur die populärsten Showhengste nimmt, dann erhöht sich unweigerlich die Inzucht in der Rasse.“

Hannoveraner
Ulrich Hahne, Zuchtleitung Hannoveraner Verband

Ulrich Hahne, Zuchtleitung Hanno­veraner Verband. Foto: Hannoveraner Verband

„Die Zucht ist sehr vielfältig geworden. Das liegt insbesondere auch an den vielen unterschiedlichen Züchtercharakteren. Da gibt es den privaten Züchter, der sich aus seiner Lieblingsstute einen Nachkommen ziehen will. Ihm kommt es meistens auf einen robusten, aber sportlichen, rittigen und zuverlässigen Freizeitpartner an. Und es gibt natürlich auch die Züchter, die mit Zucht ihr Geld verdienen und in ihrer Anpaarung auch darauf bedacht sind, richtige Leistungsträger mit Olympiachance zu erhalten. Wir als Verband nehmen diese unterschiedlichen und sehr persönlichen Zuchtziele deutlich wahr und gehen darauf ein. Insgesamt ist die Hannoveranerzucht in den vergangenen 20 Jahren im Hinblick auf das Fundament deutlich edler und leichter geworden. Hierauf bezogen ist eine weitere Veredlung in vielen Fällen nicht mehr erforderlich und auch nicht ratsam.“

Trakehner
Erhard Schulte, Hippologe des Trakehner Verbandes

Erhard Schulte, Hippologe des Trakehner Verbandes. Foto: Trakehner Verband

„Der Trakehner hat sich in den vergangenen 20 bis 30 Jahren sehr verändert. Das hängt hauptsächlich mit dem nachgefragten Sportpferde-Typ zusammen. Der ostpreußische Trakehner-Urtyp vor dem Zweiten Weltkrieg diente dem Militär. Er war daher mittelgroß und hatte flache Gänge. Auf langen Strecken war das für Pferd und Reiter bequemer, und für die Pferde eben auch gesünder. Sie waren in der Haltung entsprechend auch günstiger und entwickelten sich schneller. Heute wünscht sich der Markt ein großes, sportliches, dynamisches, vielseitiges Pferd. Die Zucht hat daher ein größeres Pferd hervorgebracht, mit viel Schulterfreiheit, einem aktiven Hinterbein und einem für den Reiter komfortablen Körperbau. Doppelgold-Gewinnerin Dalera BB ist ein gutes Beispiel für die aktuelle Trakehner-Zucht: Sie ist groß und hat ihre Sportlichkeit, Dynamik und Motivation in Tokyo unter Jessica von Bredow-Werndl herausragend gezeigt.
Umgekehrt brauchen so große Pferde eine längere Entwicklungszeit. Sie können nicht 3- oder 4-jährig schon voll belastet werden. Die schonende Ausbildung ist wichtiger denn je, um ein lange gesundes Pferd zu haben. Es ist daher nicht ratsam, die Pferde noch größer zu züchten. Und die Nachfrage zeigt auch, dass sie eher den mittelgroßen, robusten, edlen Pferdetyp suchen.“

Islandpferd
Lena Reiher, Zuchtleitung Islandpferde-Reiter- und Züchterverband e.V.

Lena Reiher, zuständig für Zucht­fragen, bei IPZV e.V. Foto: Reiher

„Die Islandpferdezucht in den Ländern der FEIF (internationale Vereinigung der nationalen Islandpferdeverbände) hat ein klar definiertes Zuchtziel: das ideale Islandpferd ist ein gesundes, fruchtbares und langlebiges Pferd, ein robustes Islandpferd. Als Reitpferd ist es vielseitig einsetzbar und für unterschiedliche Anforderungen (Freizeitreiter, Wanderreiter, Sportwettbewerbe) geeignet. Daher liegt im Hinblick auf das Gebäude des Islandpferdes der Fokus auf Langlebigkeit, z. B. starke, korrekte Beine, Tragfähigkeit, natürlichem Gangvermögen und der Fähigkeit, sich unter dem Reiter in gutem Gleichgewicht und korrekter Körperfunktion und Haltung zu bewegen. Tatsächlich hat sich aus diesen Gründen die Größe des Islandspferds leicht nach oben verändert: die Durchschnittsgröße der Isländer, welche 2020 bei Zuchtprüfungen vorgestellt und gemessen wurden, war 142,3 Zentimeter. Dies ist in meinen Augen aber nicht besorgniserregend. Viel besorgniserregender ist die Tatsache, dass in Deutschland nur wenige Islandpferde bei Zuchtprüfungen vorgestellt werden. In Deutschland leben über 60.000 Islandpferde! Damit ist Deutschland nach Island das größte Zuchtgebiet. Trotzdem wurden hier in den letzten Jahren prozentual gesehen nur wenige Pferde bei einer FIZO (Zuchtprüfung, international vergleichbar) vorgestellt und bewertet. Deutschland könnte mit mehr FIZO-geprüften Islandpferden einen viel größeren Beitrag zur internationalen Zuchtwertschätzung leisten und damit den qualitätsvollen Zuchtfortschritt unterstützen.“

Pura Raza Espanol (PRE)
Andrea Müller-Lurz, PRE Gestüt Sueno Negro

Andrea Müller-Lurz vom PRE-Gestüt 
Sueno Negro. Foto: Sueno Negro

„Hier in Deutschland beobachte ich eigentlich zwei Hauptlinien: die barocken PREs mit viel Karthäuser-Anteil und dann den eher sportlichen Typ, wie unsere Zuchtlinie, die auf einen charakterstarken, gangstarken PRE fokussiert ist. Unsere Pferde sind zwischen 1,60 und 1,70 Meter groß. Schon deutlich größer als der Urtyp der PRE, der doch deutlich kleiner gezüchtet wurde. Das hat sich inzwischen verändert. Ist aber noch in keinem besorgniserregenden Level angelangt. Weltweit betrachtet, tendiert die PRE-Zucht generell zu mehr Größe und Gangvermögen. Viele Interessenten wollen genau das und sind auch bereit, dafür hohe Summen zu bezahlen. Wir bei Sueño Negro setzen auf das robuste, nerven- und charakterstarke aber zugleich temperamentvolle Pferd, dass gut im Freizeitbereich und eben auch im Sport aufgehoben sein kann. All unsere Zuchtstuten werden daher auch geritten. So weiß ich, welche Veranlagungen sie vererben könnten. Unser Zuchthengst Financiero JF ist über den spanischen Zuchtverband ( ANNCCE) sowie über den Bayerischen Zuchtverband ( BZVKS) gekört und für Deutschland auch als Prämienhengst eingetragen. Er hat sich inzwischen bis zur Dressurklasse S qualifiziert. Dass die iberischen Pferde schon lange auch auf dem Dressurviereck glänzen, zeigte sich auch dieses Jahr bei den Olympischen Spielen in Tokyo 2020, hier sind vergleichsweise viele iberische Pferde gestartet. Sueño Negro ist auf die Zucht von dunkelbraunen und schwarzen PREs bedacht, ohne Campaneo (Glockenspielergang).“