Trainingsstunde: Von der Lehre der Harmonie
Der Degenerhof, das Zuhause der Familie Krüger-Degener und all ihren Tieren, ist kein Raum für schnelles Tun. Er ist ein Raum für Wahrnehmung. Bei und mit ihren Tieren bewegt sich Anne ruhig und klar – sie ist präsent. Ein minimaler Schritt, ein veränderter Stand. Kein Rufen, kein Drängen. „Die Pferde kommen gern zu mir“, weiß sie. Alles sei in Beziehung. Und die entstehe nicht durch Aktion, sondern durch Ankommen. Erst im Raum. Dann beim Gegenüber. Und schließlich bei uns selbst.
Lobbarkeit ist ein wichtiger Schlüssel in der Kommunikation.
Foto: Anna Auerbach
Über ihre Lehre der HarmoniLogie®, können auch wir lernen, eine enge und vertrauensvolle Freundschaft zu unseren Pferden aufzubauen. Ein Herz aus Fell „Ich habe ein Herz aus Fell.“ Ihre Berufung spürte Anne schon sehr früh. Als kleines Kind krabbelte sie unter Zäunen hindurch auf Pferdeweiden. Für ihren Reittraum sparte sie eisern – und besaß eine Trense, bevor sie ein Pferd hatte. Tiere sind für sie kein Wunsch, sondern Heimat. Und sie gehört dazwischen. „Mein Kopf funktioniert tierisch, – ich kann sie lesen”, sagt Anne. „Ich projiziere nicht meine menschliche Wirklichkeit auf sie. Das habe ich nie gebraucht. Ich liebe sie. Und ich möchte für sie ein Zuhause, ihr Glücksschmied, sein.“ Von gesunden Pferden leben Es folgte ein gutes Abitur mit dem Ziel, Tierärztin zu werden, – und dann die Erkenntnis während eines landwirtschaftlichen Praktikums: „Nicht von kranken Tieren will ich leben, sondern für gesunde arbeiten.“ Vom Bauern lernte Anne Tierliebe, Verständnis und Selbstbewusstsein im Umgang mit Tieren. Und sie erkannte, dass Gesunderhaltung mehr war als Versorgung: „Gesundheit beginnt im Alltag, in der Haltung, in der Beziehung. Tiere gesund zu halten heißt, dem Menschen Orientierung zu geben. Nicht reparieren, was zerbrochen ist, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Gesundheit bleiben kann.“ Die Tiere als Lehrmeister Eins ist klar: Anne will mit Tieren arbeiten. Auf eine eigene Kuhherde, Hütehunde und Schafe folgte dann irgendwann auch ein erstes Pferd.
Tiere geben ihr Halt und Zufriedenheit. Aus der Begegnung mit ihren Tieren entwickle sie ihr Training. Schafe lehrten sie Herdenintelligenz: Lesen, Betreuen, Lenken, ein Leben in Beziehung. Die Hütehunde zeigten ihr die Kraft klarer Räume und präziser Kommunikation. Und aus ihren Erfolgen mit ihren Border Collies entsteht auch ihr Training für die Pferde. Anne erklärt: „Pferde reagieren nicht auf Absicht, sondern auf Wahrheit. Nicht auf Worte, sondern auf Haltung.“ Auf Beobachten folgt Verstehen. Aus dem Verstehen wird eine Sprache. Eine, die nicht vom Menschen ausgeht, sondern von den 117 Tieren selbst, – und die den Menschen zurück in Beziehung führt –HarmoniLogie® ist kein Trainingsplan, kein Rezept. Über einen kommunikativen Ansatz mündet sie in einer gemeinsamen Sprache zwischen Mensch und Tier. Eine Sprache ohne Worte, aber voller Bedeutung. Sie solle dem Pferd helfen, gut mit diesem anderen Wesen – uns – zusammenzuarbeiten. Dafür übersetze die Anne Krüger-Degener ist Schäferin, HarmoniLogie® dem Menschen die Kommunikationswege unter den Tieren. Es gehe um Wahrnehmung, Räume, Klarheit und innere Ordnung. Um die Frage: Was sende ich aus und was kommt an? Pferde reagierten nicht auf Absicht, sondern auf Authentizität.
HarmoniLogie® bedeute, Beziehung vor Technik zu stellen und Führung aus Präsenz entstehen zu lassen, nicht aus Kontrolle. „Das, was uns im Umgang mit Pferden fehlt, ist ein Verständnis für die Bindung und die Herdenintelligenz“, sagt Anne. „Über das Bindungssystem üben wir einen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit aus. Sind Pferde psychisch gesund, haben wir einen guten Nährboden für körperliche Gesundheit.“ Die HarmoniLogie® ist die Lehre der höflichen Distanz und der vertrauensvollen Nähe. Raum als Beziehung In der HarmoniLogie® sei Raum kein abstrakter Begriff, sondern gelebte Beziehung. In einer Herde entstehe Sicherheit durch klare Distanz zueinander. Die einzelnen Tiere bräuchten diese bei einer plötzlichen Richtungsänderung, um folgen zu können. Distanz und Nähe seien Teil der Herdenintelligenz und schafften Sicherheit. Damit sich ein Pferd bei uns sicher fühle, müssten wir ihm Raum und damit Orientierung geben. Durch das Verständnis der Räume kämen wir vom Dominieren ins Kommunizieren. Wo wir den Raum unseres Pferdes er kennen, entstehe Vertrauen. Wo Vertrauen sei, würde Dominanz überflüssig. Ein Erkennen des Raums des anderen sei gleichzusetzen mit Liebe. Anne arbeitet mit kleinsten körperlichen Veränderungen: Fußstellung, Stand, Blickrichtung. So wird
Kommunikation sichtbar und verständlich. Raum geben, Raum nehmen, Raum tauschen, Raum respektieren, – durch dieses Regulativ entsteht ein stiller Dialog, der überall stattfinden kann. Die Definition der Räume ließe sich auf kleinstem Raum trainieren – auf dem Putzplatz, dem Weg zur Halle, überall.
Loben, bis es wirkt Bindung bedeutet für Anne nicht Nachgiebigkeit, sondern Orientierung. Ein Pferd fühlt sich sicher, weil es verstanden wird. Lobbarkeit sei dafür der Schlüssel. Könne ein Pferd Lob annehmen, reagiere es – körperlich, sichtbar, ehrlich. Lidschlag, Ohrenspiel, ein weicher Hals oder eine lang werdende Nase zeigen, ob Bindung wirkt. Unser Lob ist eine Würdigung mit neurobiologischer Wirkung, denn über das Lob werden beim Pferd Entspannungshormone ausgeschüttet. Erst wenn ein Pferd lobbar ist, kann es entspannen, lernen und kooperieren. Es wird unsere Nähe suchen, um die ses Lob wieder erhalten zu können. Eine Bindung entsteht und mit ihr intrinsisch motivierte Pferde. Früh übt sich: „Achten wir darauf, unsere Fohlen ohne Trennungstraumata aufzuziehen, erhalten wir lobbare Pferde. Mit einem offenen Bindungsfenster für den Menschen.“ sagt Anne. Bindung ist Arbeit. Leise, klar und zutiefst wirksam. Lobbarkeit lässt sich schulen. „Spricht Dein Pferd nicht auf Kraulen an, suche nach Alternativen!“ Vom „wild auf den Hals oder die Flanke klopfen“ oder von Möhrchen rät Anne allerdings ab. „Das findet in der freien Natur ja auch nicht statt.“ Das grüne Pferd – die Mischung macht´s Alles im Leben ist Balance. Das Ziel ihres Trainings bezeichnet Anne als das „grüne Pferd“. Beim grünen Pferd halten sich Stress im Sinne von Forderung/ Anstrengung (steht hier für die Farbe Blau) und Bindung (steht für die Farbe Gelb) die Waage. Die Mischung aus Gelb und Blau ist Grün. Blau (also Stress) fordert, Gelb (die Bindung) beruhigt. Eine gute Bindung ist in der HarmoniLogie® die Voraussetzung, um aus einem blauen, gestressten, wieder ein grünes, ausgeglichenes Pferd zu machen. Die psychische Gesundheit unserer Pferde entstehe in der Balance aus Stress und Bindung. Ein Pferd, das nur gebunden sei (nur Gelb), würde träge. Ein Pferd, das nur gefordert würde (Blau), brennt aus. Für ein grünes Pferd bräuchte es Bindung, Raumdenken und Orientierung. So ließen sich Stressoren regulieren. Erst dann würde Leistung möglich. Nicht erzwungen, sondern gewollt. Ein psychisch gefestigtes Pferd trägt sich selbst – und den Menschen mit. Sei der schönste Ort Wer kennt es auch? Du kommst mit dem Halfter auf die Weide und Dein Pferd nimmt leise seinen Weg von Dir weg. Was wäre, wenn der schönste Ort Deines Pferdes an Deiner Seite wäre? Wenn es intrinsisch motiviert Leistung erbringen möchte und deswegen freudig auf Dich zu läuft? Hier kann das kleinste Bindungsspiel helfen. Nicht mit einer Aufgabe, nicht mit Erwartung, sondern mit Beziehung und Vertrauen. Anne empfiehlt hierfür: „Nimm Dein Pferd am Halfter oder am kurzen Strick und beginne mit Deinem Belobungsritual, bis Dein Pferd positiv darauf reagiert. Stoppe das Lob und bewege Dich eine Stricklänge vom Pferd weg. In der Regel kommt Dein Pferd hinterher, damit Du weitermachst. Ein Liebes- oder Glücksritual ist etabliert.“ Das kleinste Bindungsspiel bedeute größtes Glück in der Beziehung zwischen Mensch und Pferd. „Verfahre genauso, wenn Du Dein Pferd wieder entlässt. Es wird beim nächsten Mal in der Erwartung, dass Du weitermachst, zu Dir kommen.“ „Regulative geben dem Pferd Richtung und Spuren – der Raum des anderen muss erkannt werden. Das Erkennen des Raums des anderen ist gleich Liebe.“
Leistung? Ja, bitte! Gute Bindungsarbeit fördert die Belastbarkeit im Sport. Sie bringt langlebige und gesunde Pferde hervor. Anne sagt: „Sport auf hohem Niveau ist möglich, wenn Emotionen reguliert sind und Bindung trägt. Gebundene Pferde wollen Leistung erbringen. Weil sie verstanden haben, worum es geht – und weil sie sich sicher fühlen.“ Harmonie ist dabei kein Nebeneffekt. Sie ist spürbar. Den eigenen Körper in der Bewegung zu fühlen und gemeinsame Leistung bereiten Pferden Glück, das durch unser Lob gesteigert wird. Das könne bei jeder Art der gemeinsamen Arbeit passieren. Beim Reiten, beim Spazieren, bei der Bodenarbeit. Das Herz-Kreislauf-System in Gang bringen, Muskeln aufbauen. All das trägt der dauerhaften physischen und psychischen Gesunderhaltung bei. Es startet bei uns In der HarmoniLogie® beginne jede Entwicklung beim Menschen. Er trage die Verantwortung. Anne lädt dazu ein, den eigenen Ausdruck zu reflektieren: Stimme, Tempo, Körperspannung, innere Haltung. Pferde lesen uns ganzheitlich – wertfrei und im Jetzt. Misstrauen entstünde, wenn wir Menschen zu wenig von Herdenintelligenz verstehen, zu wenig Sprachhygiene, kein gutes Bindungssystem hätten. Wir müssten lernen, die Gesamtheit des Pferdekörpers zu lesen. Eine Blickschulung über Protokolle, Videos und Fotos könnte uns helfen, unseren Blick zu schärfen. Vertrauen könne wachsen, wenn wir lernen, Emotionen zu regulieren. Nicht perfekt sein, sondern klar, nicht laut, sondern verlässlich – das ließe Vertrauen wachsen. Anne nutzt kleinste Signale zum Definieren von Räumen. „Meine Signale in der Arbeit mit meinen Tieren sind immer leise und eindeutig. Sprachhygiene ist auch ein Teil meiner Verlässlichkeit.“ Fehler positiv lesen Anne weiß: „Nichts ist so schlecht, dass es nicht auch etwas Positives beinhaltet.“ Läuft im Training etwas anders als geplant, waren vielleicht die Schritte und unsere Erwartungen zu groß. Werden wir kleinschrittiger, fühlt sich das Ziel gar nicht mehr so weit an. Pläne seien keine Einbahnstraße; manchmal seien Rückschritte sinnvoll, um ein Ziel zu erreichen. Pferde spiegeln uns, also sollten wir das in den Spiegel werfen, was wir selber sehen wollen. Pferde leben im Jetzt, sie kennen kein richtig oder falsch, nur möglich und unmöglich.
Tochter Carla begeistert mit ihrer natürlichen, spielerischen Art im Umgang mit den Tieren Bewohner und Besucher des Degenerhofs.
Foto: Anna Auerbach
Gestalten wir die Begegnung aktiv und binden das Pferd in seinem Verhalten aktiv ein, entsteht Dialog. Es geht um Orientierung und nicht um Kritik. Das Pferd wird im unerwünschten Verhalten ohne Druck so orientiert, dass es die Lösung aus intrinsischer Motivation findet. HarmoniLogie® überall HarmoniLogie® bedeute, in Räumen zu denken und zu verstehen, wie wir Berührung und Bindung aufbauen und unsere Begegnung mit den Pferden im Sin ne der Herdenintelligenz gestalten. Lernen geschieht dabei nicht über Druck, sondern über Resonanz. Was hier entstehe, ließe sich nicht auswendig lernen – aber mitnehmen. In den Alltag. In jede Begegnung. Denn HarmoniLogie® ende nicht am Stalltor. Sie wirke überall dort, wo Beziehung entsteht: mit Kindern, Partnern, Kollegen. Loben bis das Lob ankommt, Orientierung statt Kritik, Raum geben statt kontrollieren, dieselbe Sprache sprechen. Ein Zuhause sein – für das Gegenüber. Liebe braucht Konsequenz, Konsequenz braucht Klarheit. Wer lerne, Räume zu lesen und Bindung bewusst zu gestalten, verändere nicht nur den Umgang mit Tieren, sondern die eigene Haltung zum Leben. HarmoniLogie® wird so zur gelebten Beziehungskultur. Glücksschmied sein ist kein Ideal, sondern eine Fähigkeit. Eine, die gelernt, geübt und gepflegt werden kann. Mit Geduld. Mit Klarheit. Mit Liebe. HarmoniLo gie® beginne dort, wo wir bereit seien, still zu führen, und verstehen, dass Leistung aus Sicherheit entsteht. Und dass echte Zusammenarbeit dort beginnt, wo wir aufhören zu funktionieren, und anfangen, präsent zu sein. Ein Glücksschmied gestaltet Bedingungen, unter denen ein Lebewesen gern lebt, mitgeht und bleibt. HarmoniLogie® will Echtheit. Und sie will geteilt werden.
Foto: Anna Auerbach
Expertin
Tierwirtschaftsmeisterin, Autorin von Fach- und Trainingsbüchern, zertifizierte Tiertrainerin und Dressurreiterin. Mit eindrucksvollen Showbildern macht sie die harmonische Verbindung zwischen Mensch und Tier sichtbar und begeistert damit weltweit. Mit ihrem Mann Jan, ihrer Tochter Carla und unzähligen Tieren lebt sie auf dem Degenerhof im beschaulichen Melle in Niedersachsen. Ihr Herzenspferd Socio – der Professor, ihr Baby lein – bezeichnet Anne liebevoll als den großen Bruder ihrer Tochter Carla. Von sich sagt Anne, sie habe ein Herz aus Fell. Seit 1999 führt sie die Akademie der HarmoniLogie® und zeigt mit ihrer Lehrmethode, wie wir mit unseren Tieren in den Dialog treten können. Was Anne in ihrer Arbeit antreibt? „Ich möchte Glücksschmied sein. Und ich möchte das gerne teilen.“
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