Rasseportrait

1. März, 2026 | Ausgabe I/2026, Das Pferd., Das Pferd. [I/2026]

Sanfte Seelen in starken Körpern – so beschreibt Pferdetrainerin Sonja Weber die Kladruber Pferde, die älteste staatliche Zucht Europas. Sie sind in Deutschland noch echte Raritäten, doch ihre Hufe ebneten schon den Weg für Majestäten.

 

Autorin: Ines Vollmer

Foto: Edition Boiselle

Vielleicht könnte man es schicksalshaft nennen, dass sich die Wege der Österreicherin Sonja Weber mit denen der Kladruber gekreuzt haben. Allein durch ihre Her kunft fühlt sie sich der mehr als 400 Jahre alten Pferderasse auf eine besondere Art verbunden. Trotzdem blieb es lange bei der sprichwörtlichen „Bewunderung aus der Ferne“ für die älteste böhmische Pferderasse, deren ursprüngliche Aufgabe es war, kaiserliche und königliche Kutschen zu ziehen. Wer Sonja Weber und ihre Arbeit verfolgt, weiß: Sie hat zahlreiche Trainingspferde verschiedenster Rassen, doch ihr Herz schlägt vor allem für iberische Pferde – insbesondere für Lusitanos, die sie aus dem Effeff kennt und liebt. Dagegen wirken Kladruber allein von ihrem Exterieur her wie „echte Charaktere“ und „Typen“. Ob man will oder nicht, – spätestens am eindrucksvollen Profil dieser einstigen Kutschpferde bleibt der Blick hängen. Der markante Ramskopf gilt als absolutes Markenzeichen der Rasse und ist selbst für Laien sofort zu erkennen. Also zurück zum Anfang: Was war der Moment, der dazu geführt hat, dass die Ausbilderin und Pferdetrainerin heute so für die Kladruber brennt? Ein Knistern in der Luft „Ich habe Anfang 2023 gemeinsam mit meinem Mann eine Prag-Reise unternommen und wollte natürlich nicht nach Hause fahren, ohne das berühmte Gestüt ‚Kladruby nad Labem‘ besucht zu haben, – eines der weltweit ältesten Gestüte und zugleich die Heimat des Altkladruber Pferdes“, erzählt Sonja Weber. Gesagt, getan.

Kurze Zeit später stand sie gemeinsam mit einigen interessierten Menschen auf dem Hof des Gestüts. „Ich war einfach nur sprachlos. Wir starteten im Hauptteil des Gestüts, in dem die Schimmel untergebracht sind, – denn die Kladruber gibt es als Rappen und als Schimmel. Allein die Landschaft, das weitläufige, altehrwürdige Gelände und die Gebäude haben uns unglaublich beeindruckt.“ Tschechien hat das Gestüt mittlerweile als Staatskulturgut erhoben, weshalb sowohl die Finanzierung als auch der Fortbestand der Anlage und der Zucht gesichert sind. „Die Dame, die uns durch die Anlage geführt hat, war so überschäumend vor Begeisterung für die Ge schichte, die Pferde und die Anlage, dass man sich einfach nur verlieben konnte. Dieser Enthusiasmus allein war schon ansteckend“, berichtet die Pferdetrainerin. Und weiter: „Irgendwann kamen wir dann in den Trakt der Zuchthengste. Dort ist etwas mit mir passiert. Es lässt sich schwer beschreiben. Ich habe schon sehr lange mit Pferden zu tun und bin eigentlich nicht besonders sentimental oder kitschliebend, aber dort ist etwas geschehen, was sich kaum in Worte fassen lässt. Mich hat ein Gefühl erfüllt, als wäre der sprichwörtliche Funke in mir entzündet worden und würde sich wärmend in mir ausbreiten. Die Atmosphäre hat mich so in ihren Bann gezogen, dass ich diese ‚warme Hülle‘ noch drei Tage nach unserem Besuch spüren konnte.“

Da dieses besondere Erlebnis Sonja Weber einfach nicht mehr losließ, reifte eine Idee in ihr: „Ich möchte diese Rasse kennenlernen, ich möchte diese Rasse unterstützen und auch in Deutschland bekannter machen. Also kam der Wunsch auf, dort ein Pferd zu kaufen und mich auf das Experiment der Ausbildung und des Trainings eines solchen Arbeits- und Kutschpferdes auf Basis meiner eigenen Ausbildungsphilosophie einzulassen“, erzählt die Ausbilderin. Wenn es kein Pferd wäre, wäre es ein Hund. So kam es, dass Sonja bei ihrem nächsten Besuch im Gestüt – nach einem vorherigen intensiven Austausch und der Kontaktaufnahme mit den Züchtern und Verantwortlichen – einen vierjährigen Wallach mit einem Stockmaß von 1,61 Meter kaufen konnte. „Er war beim Probereiten unter anderem noch etwas aus der Balance und natürlich aufgrund seiner Sensibilität angespannt. Für mich waren das aber alles lösbare Themen“, berichtet Sonja Weber. „Nach ein paar Wochen Balancetraining und Stabilisierung auf meiner heimischen Anlage war er dann aber bereits ganz fein zu reiten, und ich konnte ihn – wider meiner ursprünglichen Erwartungen an eine Kutschpferderasse – relativ schnell fordern und fördern.“ Mehr noch, so berichtet Sonja, es sei genau das Gegenteil dessen eingetreten, was viele vielleicht er warten würden. Ebenso fein und extrem lernwillig wie die Lusitanos hätte sich der Kladruber gezeigt, obwohl diese Rasse rein vom Exterieur her vermeintlich gar nicht so wirke. Nach gut zehn Monaten Ausbildung fand der Wallach Saba eine neue Besitzerin und durfte weiterhin im heimischen Stall von Sonja Weber bleiben. Aus dem anfänglichen Funken war längst ein Feuer für diese herrschaftlichen Pferde geworden, sodass im Januar 2024 der nächste Kladruber einziehen durfte, wenn auch ein völlig anderer Typ Pferd.

Im Schulterherein im Trab entwickeln sich Entspannung, Symmetrie, Takt, Balance und Versammlung auf dem Weg zur Tragfähigkeit.
Foto: Sabine Grosser

Foto: Edition Boiselle

„Sie sind keine Schlaftabletten und brauchen Arbeit.“

Sonja Weber erarbeitet Balance im Gleichschritt. Synchronisation, die später in den Sattel mitgenommen werden kann.
Foto: Sabine Grosser

„Sie sind alle, wie wir Menschen auch, eigene individuelle Persönlichkeiten, aber mit der verbindenden Eigenschaft, das Herz am rechten Fleck zu haben. Wären die Kladruber nicht als Pferde geboren, wären sie vermutlich gerne Hunde“, erklärt die Pferdenärrin mit einem Lachen die Besonderheit der Rasse. „Sie finden es am schönsten, wenn sie wie ein Hund überall dabei sein dürfen und immer eine Portion Streicheleinheiten und die volle Aufmerksamkeit ihres Menschen bekommen. Sie sind dem Menschen extrem zu gewandt. Aber Vorsicht: Man darf sie nicht aufgrund ihrer Gutmütigkeit verkennen, denn als Kutschpferde der Habsburger brachten sie den Kaiser von Wien nach Prag. Sie sind keine Schlaftabletten und brauchen Arbeit. Sie könnten bei Unterforderung auch mal unleidlich werden und nachfragen“, merkt Sonja an. Und weiter: „Sie sind Leistungspferde und möchten auch als solche behandelt werden. Was sie für mich einzigartig macht, ist die Kombination aus einer gesunden Portion Temperament, ihrer Leistungsbereitschaft und gleich zeitig ihrem hundeähnlichen, anhänglichen Wesen. On top kommt dann noch das besondere Zuhören und Mitdenken dieser Rasse, was ihre besondere Eignung als Kutschpferde erklärt. Sie werden aber von jeher auch geritten und sind sehr vielseitig einsetzbar.“ ,Entschuldigung, Eure Majestät!‘ Besucher im Stall fühlen sich laut Sonja Weber oft in besonderem Maße von den Kladrubern angezogen. Sie machten es einem aber auch wirklich schwer, sie nicht sympathisch zu finden. „Wenn Menschen im Stall sind, auch fremde Personen, lassen die Kladruber durchaus ihr Heu zwecks Kontaktaufnahme liegen. Schnell steht das Pferd dann in der Menschentraube und lässt sich von allen Seiten kraulen.“ Echte Charmeure. Was sowohl bei der Ausbildung als auch im täglichen Umgang mit den Kladrubern auffiele, sei ihre Willens stärke. „Sie würden niemals ungerechte Behandlungen über sich ergehen lassen“, sagt Sonja Weber. „Wenn du mit zu viel Druck oder gar Kraft agierst, tut es der Kladruber ebenso. Du musst sie von deinen Ideen kooperativ überzeugen, eine gemeinsame Beziehungsbasis finden und darfst nicht versuchen, sie zu unterdrücken.“ Das passe perfekt zu Sonja Webers Ansatz. „Die feine Kunst des Umgangs und des Reitens kommt bei ihnen par excellence zum Tragen! Haben sie zum Beispiel den Eindruck, dass der Gertenzeig bei der Handarbeit un gerechtfertigt ist, zeigt der Kladruber das auch“, erzählt die Ausbilderin und ergänzt lachend: „Da bleibt nur, sich bei ihrer Majestät zu entschuldigen! Das macht die se Rasse für mich nur noch sympathischer.“ Der Kladruber aus Trainersicht Das Faszinierende ist für die Trainerin vor allem, dass diese Rasse so viel Potenzial zum Formen mitbringe: „Sie sind wie ein Klumpen Knete, den man mit Ge schick außergewöhnlich formen kann. Per se sind die Kladruber sehr weich, das heißt, man muss sie besonders für die Nutzung als Reitpferd gut ausbilden, ansonsten verfallen sie schnell in gesundheitsschädliche Muster wie beispielsweise ein durchgefallenes Becken, ein rausgedrückter Unterhals und ein Hängerücken. Ich persönlich mag es für die Ausbildung trotzdem lieber, wenn die Pferde weich sind, da es mir leichter fällt, Pferde zu stabilisieren, als Beweglichkeit in sie hineinzubekommen“, erklärt die Fachfrau. Neben ihrer Formbarkeit in der Ausbildung sei bei den Kladrubern außerdem der besonders sichere Takt im Trab erwähnenswert. „Der Trabtakt ist nahezu bestechend gleichmäßig und beim Reiten etwas ganz Tolles. Er vermittelt von Haus aus ein sicheres Reitgefühl, dass man sonst selten findet“, weiß Sonja Weber aus Erfahrung zu berichten.

„Sie sind wie ein Klumpen Knete, den man mit Geschick außergewöhnlich formen kann.“

Nahezu majestätisch bewegt sich die Herde im Takt.
Foto: Edition Boiselle

„Wären die Kladruber nicht als Pferde geboren, wären sie vermutlich gerne Hunde.“

Besonders spannend ist, dass auch diese angeborene Taktsicherheit es ist, die den Kladruber für den Einsatz als Kutschpferd prädestiniert. Mittlerweile hat der zweite Kladruber ebenfalls ein Zuhause bei passenden Pferdemenschen gefunden, und Sonja Weber brennt für die Mission, diese besondere Rasse auch über Tschechiens Grenzen hinaus bekannt zu machen. 2026 wird sie aus diesem Grund noch einmal ein neues Kapitel starten und ein Jungpferd ganz ohne vorherige Ausbildung vom Gestüt auf ihre Anlage nach Deutschland holen, um die Ausbildung von den ersten Schritten an begleiten zu können. „Das ermöglicht mir noch einmal eine ganz neue Sicht auf die Ras se, und ich kann sie noch besser verstehen lernen. Für mich steht jetzt schon fest: Es ist eine Rasse, in die man sich verlieben kann, und es ist wirklich schwer, je wie der loszukommen! Ich habe mittlerweile einige Kladruber-Fans kennenlernen dürfen, und für sie gibt es keine anderen Pferde mehr. Man ist und bleibt den Hoheiten erlegen“, erklärt Sonja Weber ihre besondere Beziehung zu den majestätischen Pferden.

Foto: Sabine Grosser

Expertin

Sonja Weber bildet seit über 25 Jahren hauptberuflich bei Frankfurt am Main Pferde und Reiter in der Tradition der „Légerèté“ aus. „Von der Basis bis zur Hohen Schule“ steht die Gesunderhaltung des Pferdes durch die Ausbildung im Mittelpunkt. Zahlreiche Trainer gehören zu ihrer Klientel, da sie die Kombination aus Fachkompetenz und didaktischen Fähigkeiten zu einer exzellenten Lehrerin für Ausbilder macht. Sie entwickelt theoretisches Material in Form von Büchern sowie Lehrfilmen. Sie selbst lernte bei Lehrern wie zum Beispiel Marc de Broissia, Philippe Karl, Anna-Katrin Müller und anderen. Sie hat ein Diplom in Biologie mit Fachrichtung Pferdeverhalten und einen Master of Arts in Coaching, Supervision und Organisationsentwicklung. Dies qualifiziert sie zu pferdegestütztem Coaching.

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