Pferdefotografie zwischen Blick und Sein

1. März, 2026 | Ausgabe I/2026, Der Mensch., Der Mensch. [I/2026]

Wir leben in einer Zeit, in der sich alles schneller verändert als je zuvor. Auch unsere Beziehung zu den Pferden hat sich verändert, und zwar drastisch. Was ist passiert in den vergangenen zehn Jahren? Wir haben eine grundlegende Veränderung in unserer visuellen Wahrnehmung erleben können, und zwar durch etwas, das auch den Rest unseres Lebens verändert hat: durch Social Media und durch den revolutionären Wandel unserer Sichtweise.

 

Gastautorin: Gabriele Boiselle

Gabriele Boiselle in ihrem Element – hinter der Kamera.
Foto: Ronja Erdmann

Klar, „das wissen wir ja“, sagt man an dieser Stelle. Doch wissen wir wirklich, was es mit uns gemacht hat und noch macht? Spüren wir die Manipulation? Wollen wir sie überhaupt entdecken? Gerade in der Pferdefotografie ist diese Entwicklung wunderbar zu erkennen: Ich habe immer versucht, die Essenz der Pferde durch meine Fotos sprechen zu lassen, egal ob auf Film oder Digital. Doch es gibt heute kein Foto mehr, das nicht manipuliert und „verbessert“ wird. Teilweise passiert das schon ohne unsere Wahrnehmung, durch die Programme der Kameras selbst. Dann gibt es massenweise Apps, die alles „schöner“ machen. Und es gibt eine ziemlich junge Sparte der Pferdefotografie, die sich nur mit der Selbstdarstellung von Frauen mit ihren Pferden beschäftigt. Kein neues Thema. Ich habe im Jahre 1996 ein Buch herausgebracht, mit GaWaNi Ponyboy über „Women&Horses“, das sich einhunderttausend Mal in den USA verkauft hat. Damals waren die Originale noch Diafilme und es gab nichts Vergleichbares. Heute haben wir einen Tsunami an Fotos, teilweise „nur“ mit dem Handy gemacht. Wir kreieren mit Leichtigkeit romantische Impressionen über diese „besondere“ Beziehung von Frau und Pferd. Doch Achtung! Warum fühlt es sich so oft falsch an? Warum fühlen sich so viele Reiterinnen und weibliche Pferdebesitzer gar nicht wohl, damit konfrontiert zu werden? Wir haben durch unser neues Sehen in unseren Köpfen eine Umprogrammierung stattfinden lassen. Warum ich das so sagen kann? Weil ich ein Dinosaurier der Pferdefotografie bin und seit 1984 Kalender und Bücher entstehen lasse und mich seit Jahrzehnten ganz intensiv mit dieser Bildebene und Bildsprache befasse. Und weil ich über diese Zeitspanne hinweg verfolgen konnte, was passiert, auch in meiner eigenen Fotografie und ich mir selbst an die Nase fassen muss. Die Kameras mit ihren unglaublich hochwertigen Technologien, die ich über alles liebe, machen es uns leicht, klasse Resultate zu bekommen, und Photoshop tut ein Übriges. Ich habe noch die Aussage eines Kollegen im Ohr, der auf meine Anmerkung: „Das Licht ist aber nicht so toll, um jetzt gute Fotos zu machen“, antwortete: „Das ist mir egal, das gleiche ich mit Photoshop aus.“ Grundlegend kommt der Zweifel auf: Stellen wir nicht eine falsche, geschönte Bilderwelt her, die uns verleitet, zu glauben, dass sie Realität wäre. Ich kenne viele Frauen, die sich aufgrund dieser Instagram-Fotos und Videos in sich zurückziehen und sich selbst nicht als „so wertvoll“ wahrnehmen, sich mit den „Influencerinnen“ vergleichen. Wir leben in einer „irrealen Realität” und haben uns durch Social Media daran gewöhnt. Vielleicht bin ich ein alter Revoluzzer aus dem letzten Jahrhundert, aber ich wehre mich dagegen. Ich will mir nicht vorschreiben lassen, was schön ist, was wertvoll ist. Ich möchte noch hinblicken können auf die tatsächliche Realität. Ich möchte meine Beziehung zu Pferden ganz einfach fühlen können, ohne ein Coaching dafür zu brauchen, wie ich meine Pferde vom Stall auf die Koppel führe. Manche jungen Frauen trauen sich gar nicht mehr selbstständig etwas mit ihrem Pferd zu machen, ohne Anleitung und auf eine App in ihrem Handy geschaut zu haben. Gott sei Dank muss man das Handy AUS der Hand legen, wenn man die Zügel IN die Hand nimmt. Und ich lege immer öfter meine Kamera und mein Handy aus der Hand, verzichte darauf, jeden Moment ein fangen zu müssen. Ich lebe den Moment lieber, erlebe die Pferde und mich und das Glück, mit ihnen zusammen zu sein. Das ist kein Bild, das ist mein Gefühl, echt und unverfälscht.