Mit der Kraft eines Ritters

1. März, 2025 | Ausgabe I/2025, Der Mensch., Der Mensch. [I/2025]

„Man gebe mir ein Pferd, eine Lanze und eine Rüstung“ – oder gehört doch mehr dazu? ekor sprach mit Stefan Kaiser darüber, was einen Ritter unserer Zeit ausmacht. Ist es Muskelkraft oder doch die Kraft, aus vollem Herzen dabei zu sein?

Autorin: Ines Vollmer

Foto: Irena Huber

Aufgeregtes Schnauben. Scharrende Hufe im Sand. Reiter in eisernen Monturen stehen sich auf majestätischen Pferden gegenüber. Ein Ruf ertönt, mit kraftvollen Galoppaden preschen die Ritter aufeinander zu. Es kracht! Ein Schauer aus zerberstendem Holz prasselt zu Boden, dicht gefolgt von einem der Ritter, der dem Stoß der hölzernen Lanze im Sattel nicht standhalten konnte. Was wie eine Szene aus der Filmromanze „Ritter aus Leidenschaft“ klingt, spielt sich tatsächlich im 21. Jahrhundert auf dem Trainingsplatz von Stefan Kaiser ab. Seines Zeichens nicht nur Ritter, sondern vor allem Pferdemensch aus Leidenschaft. Zwar ist der 30-Jährige nicht in die sagenumwobene Ritterzeit geboren, wohl aber in eine seit vielen Generationen bestehende Artisten- und Showfamilie, zu der seit Urzeiten natürlich auch Pferde gehören. „Ich konnte eher auf einem Pferd sitzen als laufen“, erinnert sich der Showreiter, der Teil der Ritterspiele aus dem Kreis Gütersloh ist und diese seit gut zehn Jahren gemeinsam mit seinem Cousin Jeffrey Kaiser leitet.

Ein unerschütterliches Vertrauen und eine enge Beziehung zwischen Mensch und Pferd sind elementar, um die anspruchsvollen Show- und Stunteinlagen präsentieren zu können.
Foto: Irena Huber

Denkt man an Ritterkämpfe und vor allem das Lanzenstechen, das sogenannte Tjosten, kommen einem mutmaßlich schwere, kraftvolle „Schlachtrösser“ von imposanter Größe in den Sinn, damit einhergehend ebenso stattliche Reiter, die nur so vor Muskelkraft strotzen. Darauf angesprochen lacht Stefan Kaiser als „Berufsritter“: „Ich denke, fast das Gegenteil ist der Fall. Natürlich gehört Körperkraft auch ein Stück weit zu den Eigenschaften, die Pferd und Reiter für Ritterturniere mitbringen sollten, aber vor allem geht es bei uns Menschen für die auszuübenden Ritterdisziplinen um Athletik und bei den eingesetzten Pferden um Klarheit, Aufmerksamkeit und auf den Punkt reagieren zu können. Präzision auf die feinste Hilfengebung. Dazu gehört, auf dem sprichwörtlichen Bierdeckel wenden zu können, Galopppirouetten, aber auch Traversalen aus dem FF abzuliefern.“

So setzen die Ritter vor allem auf spanische Pferderassen wie beispielsweise P.R.E., Lusitanos oder auch teilweise auf Araberpferde. „Nicht nur ihre Anmut und äußerliche Erscheinung spielen für ein Showbild eine Rolle, sondern ihr besonderer Arbeitswille, der ‚will to please‘, den diese extrem dem Menschen zugewandten Pferde mit sich bringen. Punktgenau abliefern können, 100 Prozent Aufmerksamkeit auf den Reiter und dabei aus tiefstem Herzen für seinen Menschen alles geben wollen. Das macht diese Pferde für uns zu den Stars der Ritterkämpfe. Sie sind die echten Kämpfer“, sagt Stefan Kaiser.

Das Rittertum in Deutschlands Arenen und einige weitere Pferdeshows stellen dabei nur einen Bruchteil der Arbeit von der Showreitergruppe dar. „Es ist viel mehr! Wir trainieren nicht nur mit unseren Pferden und versorgen sie, wir leben mit und vor allem für sie. Nicht-Pferdemenschen können dies vermutlich nur bedingt nachvollziehen, aber unser Tag endet nicht mit dem Füttern im Stall. Zahlreiche Stunden leben auch wir im Stall. Wir setzen uns nach dem Versorgen zu den Pferden, oder treffen uns gezielt als Familie und Freunde nach getaner Arbeit im Stall, sitzen zusammen, tanken Kraft, hören auf das mahlende, beruhigende Kauen unserer Tiere.
Das sind die Momente, auf die es ankommt“, berichtet der zweifache Vater, deren Töchter – wie sollte es auch anders sein – natürlich auch gemeinsam mit ihren eigenen Ponys aufwachsen. „So vieles macht das Privileg, mit den Pferden arbeiten und leben zu dürfen, aus. So übermittelten schon meine Großeltern uns Kindern das Einmaleins der Haus- und Heilmittel in Sachen Pferdehaltung. Ich denke, ich kann mit Stolz sagen, dass wir sowohl den Gesundheitszustand als auch den Allgemein- und Trainingszustand unserer Pferde sehr gut selbst einschätzen können und uns bei alltäglichen Dingen zu helfen wissen. Etwas, das sich meiner Meinung nach eigentlich jeder Pferdehalter aneignen sollte und auch müsste“, erklärt Kaiser.

Die Faszination der Ritterspiele lockt jedes Jahr unzählige Zuschauer an.
Foto: Irena Huber

So, wie die Familie und Show-Profis ihre Pferde in Gänze kennen und begleiten, so müssen natürlich auch die Showpferde in ihren Aufgaben als Ritterpferde firm werden. Eine der herausforderndsten Disziplinen ist nach Einschätzung des Ritters Kaiser das Tjosten. Woran liegt das?

„Beim Tjosten müssen die Pferde in einer absoluten Nerven- und Muskelbereitschaft am Anfang der Bahnabtrennung auf das Startsignal warten, was nervliche Stärke und absolute Rittigkeit erfordert“, erklärt Stefan Kaiser. „Die Pferde kennen aus dem Training recht schnell den Ablauf und wissen, dass es nach dem Signal mit voller Kraft vorausgeht. Wie ein Marathonläufer auf seinen Startschuss wartet, befinden sich also auch die Pferde in dieser positiven Alarmbereitschaft. Die eigentliche Schwierigkeit für die Pferde besteht dann in dem Aufeinander-zu-Galoppieren.“
Miteinander in die gleiche Richtung läuft das Herdentier Pferd ohne Probleme. Manch einer kennt es sicher von der Jungpferdeausbildung: dass man gerade am Anfang mit den Pferden in der Reitbahn gar nicht oder zunächst nur im Schritt und mit gebührendem Abstand anderen Pferden entgegenreiten kann. „Beim Tjosten, der Königsdisziplin, wird somit den Pferden mental viel abverlangt, weswegen ein langes Training und eine gute Vorbereitung von der Pike an notwendig ist“, weiß der Profi zu berichten.
Nicht umsonst bezeichnet Stefan Kaiser das Tjosten als die herausforderndste Disziplin für die Pferde in Sachen Ritterspiele. Erst wenn die Pferde sowohl dressurlich als auch mental sehr gefestigt und weit ausgebildet sind, wird mit dem Training für das Tjosten begonnen. Wobei angemerkt sei, dass in unserer Zeit nur mit präparierten „Waffen“ geritten wird, die so gut wie keine Stoßkraft beim Pferd ankommen lassen und den Showeffekt in den Vordergrund stellen.

So beginne man zunächst das Aufeinander-zu-Reiten in entgegengesetzte Richtungen, entlang einer Abtrennung in der Mitte der zwei Reitstrecken zu trainieren. Wenn das gefestigt ist, reitet man sich irgendwann in schnelleren Gangarten entgegen und die Reiter klatschen sich beim Aneinander-vorbei-Reiten mit ihren Händen ab. So baue man Stück für Stück die Routine auf, bis dann tatsächlich mit den hölzernen Lanzen geritten wird. Nicht selten dauert das Training für das Tjosten ein gutes Jahr, je nach Pferdetyp und Charakter. Darauf folgt dann die Probe aufs Exempel bei einer Show. „Man muss sehr genau auf die Pferde achten und schnell erkennen, wenn es in Stress umschlägt. Dafür sind wir von Kindesbeinen damit aufgewachsen und haben sowohl ein Auge als auch Gefühl für unsere Pferde entwickelt“, erklärt Stefan Kaiser den Ausbildungsweg.

Foto: Irena Huber

Neben dem Ritt mit der Lanze vervollständigen das Bogenschießen, der Wurfstern und auch das traditionsreiche „Roland Reiten“ das Repertoire der Ritter. In jeder Saison kommen außerdem neue Acts dazu, bei denen nicht selten auch Feuereffekte zum Einsatz kommen.

„Schnelligkeit, Geschicklichkeit und das Gegeneinander-Antreten stehen beim heutigen Ritterdasein im Vordergrund und wird entsprechend von den Zuschauern honoriert“, weiß Kaiser aus seiner Erfahrung. Dabei spielt nicht nur Gehorsam und Rittigkeit bei den Pferd-Reiter-Gespannen eine Rolle, sondern vor allem ein unerschöpfliches Vertrauen.

Stefan Kaiser mit seinem neunjährigen P.R.E. (Pura Raza Española) Arturius.
Foto: Irena Huber

Der Weg zum „Schlachtross“

So kauft das Ensemble die eigenen Pferde fast ausschließlich als rohe Jungpferde im Alter von zwei bis drei Jahren und bildet sie nach dem eigenen Credo von Beginn an selbst aus. „Das ermöglicht uns, die Pferde ganz nach den Anforderungen der Showreiterei auszubilden. Viel Gelände, von Beginn an viel kennenlernen und sehen, an unterschiedlichste Geräusche und Situationen heranführen. Wir nehmen beispielsweise auch unsere Jungpferde mit zu den Shows in den Backstagebereich und auf fremde Reitplätze und Arenen, um sie an all das langsam und gewissenhaft heranzuführen, ohne sie unvorbereitet in eine Situation hineinzuwerfen. Die vielen Menschen bei einer Show, das Applaudieren, die Musik sind neben den zu erlernenden Disziplinen und der dressurlichen Ausbildung alles Aspekte unserer Arbeit, mit denen unsere Pferde lernen müssen umzugehen“, so Kaiser. Ganz oben auf der Agenda der Ausbildung stehe dabei Zeit.

Foto: Irena Huber

„Pferde lernen niemals aus. Mit jeder Show, jeder neuen Situation im Alltag gibt es immer einen Lerneffekt. Eine gute Vorbereitung ohne Hast zahlt sich am Ende immer aus! Umso fundierter man in der ersten Zeit arbeitet und sich Zeit lässt, desto schneller kann es später dann bei den mental gefestigten Pferden gehen. Beispielsweise beim Erlernen der unterschiedlichen Ritterdisziplinen. Hinzu kommt immer der individuelle Charakter eines jeden Pferdes, bei dem es auch mal vorkommen kann, dass die eine oder andere Disziplin oder ein Showact nichts für das Pferd ist. Auch in dieser Situation muss man Profi genug sein, um das schnellstmöglich zu erkennen und zu reagieren, ohne dass das Pferd Schaden davon nimmt.“
So sei es zum Beispiel auch schon vorgekommen, dass ein Pferd nicht für das Tjosten geeignet war, was für die Showreiter jedoch kein Problem sei. Jeder habe eben seine Stärken und Schwächen. Mit beidem ließe sich arbeiten.
Aufgrund der Pferdeausbildung sowie dem immensen Einsatz und Aufwand für solch eine Show, wie es die Ritterspiele sind, reisen die Pferde standesgemäß im Transport-Lkw an. Denn: jeder Reiter bringt zwei Pferde mit zur Show. Gereist wird also immer mit Ersatzpferd. Zusätzlich reisen die jungen, in der Ausbildung befindlichen Pferde als Lernende mit, die das Spektakel der Shows im Backstagebereich miterleben. Rund 20 Pferde nennt Kaisers Ensemble ihr Eigen.

„Der Ausdruck ‚pferdeverrückt‘ trifft es bei uns wirklich nur im Ansatz. Wir sind im positiven Sinn fast schon fanatisch, wenn es um Pferde geht“, erklärt der Familienvater schmunzelnd im Zusammenhang mit den Reise-, Trainings- und Lebensmodalitäten. „Es gibt so viele besondere Momente und Erlebnisse mit unseren Pferden. Ich wüsste gar nicht, wo ich da anfangen sollte. Es fasziniert mich immer wieder, wie unsere Pferde nach dem langen gemeinsamen Ausbildungsweg als Showprofis brillieren. Wenn ein Veranstalter am Tag der Show auf uns zukommt und sich doch einen anderen Act wünscht, ist das, banal gesagt, kein Problem. Wir können kurzfristig umdisponieren und uns zu 100 Prozent darauf verlassen, dass es funktioniert. Das sehr lange aufgebaute und gut gepflegte Vertrauensverhältnis zwischen Pferd und Mensch zahlt sich in diesen Momenten aus. Das macht sogar uns sprachlos. Wenn man diese Pferderassen nicht enttäuscht und ihr Vertrauen nicht missbraucht, hat man Partner an seiner Seite, die man mit Worten nicht beschreiben kann. Für uns ist das kein Geschäft, sondern unser Lebensmittelpunkt. Es gibt einen schönen Spruch, der mir dazu einfällt: Wir verdienen nicht unser Geld damit, sondern wir verdienen Geld, um genau das machen zu dürfen“, sprach der Ritter aus Leidenschaft und zog ehrfürchtig mit seinem Pferd von dannen.