Kraft geben

1. März, 2025 | Ausgabe I/2025, Der Mensch., Der Mensch. [I/2025]

Von einer Geschichte, die so nur das Leben schreibt: Über die besondere Verbindung von Pferd und Mensch, und wie uns diese Tiere immer wieder die Kraft geben weiterzumachen. Von einer „Löwenmutter“ und ihrer Tochter.

Autorin: Ines Vollmer

Foto: Privat

„Sie hat einfach keinen Ton mehr gesprochen. Das war wirklich schlimm“, erzählt Tanja Pfeifer die besondere Geschichte ihrer Tochter Emma. Einem Pferdemädchen, dessen Liebe für außergewöhnliche Pferde unendlich zu sein scheint. Doch zurück zum Anfang. Dorthin, wo alles begann: an einem Weidegatter im Jahr 2017.

Emma und Eddie, ein Herz und eine Seele.
Foto: Privat

Die damals siebenjährige Emma verharrte in besagtem Sommer stunden-, gar monatelang am Rande einer Koppel, um einem 1,68 Meter großen Wallach ihre Freundschaft anzubieten. „Eddie“, zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt, ließ das Mädchen zunächst links liegen. War er doch aufgrund einer Huffraktur, die er sich bereits mit vier Jahren am Anfang seiner Reitpferdekarriere zugezogen hatte, lange zur Genesung weggestellt worden. Irgendwann blieb er dann auf dem Pferdehof mit dem Stempel unreitbar „übrig“. Er lebte sein Vagabundenleben und hatte dementsprechend nur noch wenig Kontakt mit Menschen. „Was tun mit dem Pferd?“, fragten sich zu diesem Zeitpunkt bereits die damaligen Besitzer, mit denen Familie Pfeifer eine lange Freundschaft verbindet. Dass Emma sich ein wenig um das Pferd kümmern wollte, war ihnen deshalb sehr willkommen.
„Irgendwann kam dann dieses große schwarze Pferd auf meine Tochter zu und das Eis war gebrochen“, erinnert sich Mutter Tanja. „Der Wallach war ihr so unglaublich wichtig, und mit einer Engelsgeduld beschäftigte sich Emma mit ihm, bis sie irgendwann sogar auf ihm reiten konnte.“ Dann kam der Winter und mit ihm das Problem, dass Eddie eigentlich den Hof verlassen sollte, da es keine Box mehr für ihn gab. Die Besitzerin nahm sich ein Herz und verschenkte nach einiger Überlegung und Gesprächen mit den Eltern den Wallach zu Weihnachten an Emma. Ein Pferdemädchentraum wurde wahr. Ab sofort verband die kleine Emma und den großen Rappen ein untrennbares Band der Freundschaft.

Flugs wurde ein neuer Stall für das Pferd gefunden und Familie Pfeifer, in der bis dahin nur die Tochter das Pferdevirus gepackt hatte, wuchs sprichwörtlich an den völlig neuen Aufgaben. Plötzlich gehörte zu der Familie ein Pferd. „Ich wusste noch nicht mal, wie man ein Halfter auf ein Pferd bekommt, sodass ich am Anfang wirklich ziemlich doof in meinem schicken Bürooutfit vor der Box von Eddie stand und dachte: Okay mein Freund, ich mache nun deine Box sauber“, erinnert sich die Reitkindmutter lachend. Emma und Eddie wurden zu einem eingespielten Team und der Wallach tatsächlich wieder so fit, dass er das Mädchen durch seine ersten Turnierteilnahmen in einfachen Dressurklassen trug. Emmas großer Traum war allerdings das Springreiten. Mit Eddie würde das jedoch aufgrund seiner alten Verletzung nie möglich sein. Zu groß wäre das erneute Verletzungsrisiko. Dafür schenkte er ihr sein Herz.

Ein Tag im Sommer

Im Juli 2022 brach das Duo dann mit Freunden zu einem gemütlichen Tagesritt auf, der sie in einen einige Kilometer weit entfernt liegenden Ort führen sollte. Hier konnten die Pferde auf der Koppel pausieren und die Reiter Zelte für die Nacht aufbauen. Der Tag gestaltete sich rückblickend in Bilderbuchatmosphäre. Blauer Himmel, frühsommerliche Temperaturen, lachende Kinder, entspannte Pferde. Teils führte der Weg durchs Wasser, die Freude war unfassbar groß. Am Zielort angekommen, wälzten sich die Pferde auf der Weide, und die Zelte für die Nacht wurden aufgeschlagen. Nachdem Emma von der Toilette zurückkam, wollte sie noch mal nach den Pferden schauen. Eddie lag tot auf der Wiese.
„Ich bekam den Anruf von meiner Tochter, in dem sie nur sagte: ‚Eddie ist tot.‘ Es war surreal. Wir rasten mit dem Auto zu dem Hof, was rückblickend verrückt war, denn das Pferd war tot. Man konnte nichts mehr tun. Als ich aus dem Auto ausstieg, lag meine zwölfjährige Tochter auf ihrem toten Pferd. Eine Welt brach zusammen“, erinnert sich Tanja. Und weiter: „Ab diesem Zeitpunkt hat Emma aufgehört zu sprechen.“ Mit Eddies stillstehendem Herzschlag hatte auch Emma die Kraft verlassen. Der Wallach starb an einem Aortenabriss. Das war durch den Tierarzt unter anderem aufgrund einer deutlichen Einblutung im Halsbereich klar zu erkennen. Ein schneller Tod ohne großes Leiden für das Tier. Bleischwer für die Lebenden.

Der Traum vom Springreiten wurde mit Nevesta wahr.
Foto: Boris Schmelter

Auf die Frage, ob Emma ein neues Pferd haben wolle, entgegnete die damals Zwölfjährige: Kein Pferd könne ihren Eddie ersetzen. „Trotzdem habe ich aufgrund ihres schlechten seelischen Zustandes immer wieder betont, dass sie, sobald sie bereit sei, jederzeit sagen könne, wenn sie wieder ein Pferd haben möchte. Ich wollte einfach nur meiner Tochter helfen.“ Eines Tages kam der ersehnte Moment, als Emma mit den Worten: „Die oder keine“ und einer Verkaufsanzeige vor ihrer Mutter stand. „Ich war, milde gesagt, überrascht, denn es war eine junge Stute, kein weit ausgebildeter Wallach. Einzig, dass sie im Springen gegangen und ausgebildet war, fiel mir ins Auge. Emmas lang gehegter Traum. Ansonsten stand nicht viel in der Anzeige. Meine Tochter ließ sich nicht abbringen. Also fuhren wir das Pferd anschauen, obwohl mir die Verkäufer bereits am Telefon sagten, dass die Stute eigentlich schon so gut wie verkauft sei. Das war mir sowas von egal. Ich habe nur gesagt, dass ich dieses Pferd brauche! Koste es, was es wolle.“ Gesagt, getan.

Vor der Box angekommen, bekam die Familie die Auskunft, dass die Stute im Umgang schwierig und schwer einschätzbar sei – vor allem Fremden gegenüber und wenn diese ihre Box betreten wollen würden. „Ich hatte ehrlich gesagt, große Bedenken, als meine Tochter dann trotzdem in die Box ging. Aber: Es passierte einfach nichts. Sie standen sich gegenüber und ich wusste, das ist es. Ein unsichtbares Band. Man kann es schwer erklären.“


Zwei Schicksale treffen aufeinander

In dem darauffolgenden Verkaufsgespräch sowie bei den nachfolgenden Besuchen erfuhr die Familie, dass die Stute mit Namen „Nevesta“ aus der Ukraine stammte und gemeinsam mit ihrem Bruder geflohen war. Bedeutete im Klartext, dass sie getarnt aus dem Kriegsgeschehen in einem Transporter zunächst nach Polen in Quarantäne gestellt worden war, bevor sie nach dem vorgeschriebenen sechsmonatigen Aufenthalt weiter nach Deutschland gebracht werden durfte. Die Bereiterin des ukrainischen Züchters lebte mittlerweile auch aufgrund der unsicheren Lage in ihrem Heimatland auf dem Reiterhof in Deutschland. So fand Nevesta durch sie dort ebenfalls eine sichere Unterkunft, von der aus sie neue Besitzer finden sollte. „Nach und nach verstanden wir, welches Schicksal und was für Erlebnisse die Stute hinter sich haben musste. Trotzdem konnte ich das Pferd dann mit einer regulären Ankaufsuntersuchung über die Bereiterin direkt von dem ukrainischen Züchter kaufen. Durch die Schilderungen der Bereiterin verstanden wir, dass die Pferde das einzige Kapital der ukrainischen Züchter waren, über das sie im Kriegsgeschehen noch verfügen konnten“, erinnert sich Tanja Pfeifer, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit im internationalen Holzhandel auch viel mit Händlern und LKW-Fahrern, unter anderem aus der Ukraine, zu tun hat.

Mit viel Geduld machte sich die junge Emma den großen Eddie zum Freund fürs Leben.
Foto: Privat

Im neuen Zuhause angekommen, sollten dann unvorhergesehene Probleme auf die neuen Besitzer zukommen. Nevesta kannte augenscheinlich sehr wenig für Pferde in Deutschland Alltägliches. Keine Pferdetränken, keinen Weidegang, kein Futtermüsli – was zur Folge hatte, dass die Stute nach sechs Wochen unter einer schweren Kolik litt. „Es war ein Albtraum. Ich konnte doch meiner Tochter nicht antun, dass nun das nächste Pferd stirbt! Emma wäre in ein bodenloses Loch gefallen. Ich glaube, ich bin etwa vier Wochen lang alle drei Stunden in den Stall gefahren und habe dem Pferd eine Handvoll zu fressen gegeben. Nevesta musste langsam wieder zu Kräften kommen. Der Tierarzt hatte in der Akutphase der Kolik sein Möglichstes getan, aber nun lag es an uns, das Pferd am Leben zu halten. Also sind wir auch nachts in den Stall gefahren. Ich hätte alles getan. Für meine Tochter. Für dieses Pferd“, erinnert sich die Mutter zurück.

Heute preschen die neunjährige ukrainische Springstute und Emma nicht nur durchs Gelände, sondern auch über den ein oder anderen Springparcours. Schwindelerregend schnell ist die bevorzugte Gangart des Sportpferdes. „Nevesta ist aufgrund ihrer Vergangenheit und der Flucht bestimmt kein einfaches Pferd, aber Emma gibt auf ihr mittlerweile sogar Kindern Reitunterricht – dabei ist sie lammfromm. Sie ist eine Seele von Pferd und vertraut Emma ausnahmslos. Für Emma ist sie eine Lebensversicherung. Ich würde immer wieder ein Pferd retten und damit den Menschen vor Ort als auch den Tieren helfen. Nevesta hat Emma gerettet. Ihr neue Kraft gegeben“, berichtet Tanja Pfeifer, die durch eigene Recherchen und Kontakte mit Züchtern erfahren hat, dass sie unwissend mit der Stute ein Sportpferd gekauft hat, welches in der Ukraine bereits in schweren Springklassen auf Turnieren gestartet ist. Mittlerweile sind die beiden so ein außergewöhnliches und eingespieltes Team, dass Emma nach ihrem Schulabschluss im nächsten Jahr eine Lehre zur Pferdewirtin im klassischen Beritt beginnen möchte. Natürlich gemeinsam mit Nevesta.

„Sie kann einfach besser mit Tieren, als mit Menschen“, beschließt die sprichwörtliche Löwenmutter die Geschichte über die Kraft, die Nevesta ihrer Tochter gibt. Zwei Schicksale, die das Leben zueinander gebracht hat, als sie sich am meisten brauchten.