Die Kraft positiver Erfahrungen

1. März, 2025 | Ausgabe I/2025, Ein Team., Ein Team. [I/2025]

Warum über Stock und Stein für Pferde oftmals eine große Herausforderung bedeutet und ein Ausflug in den Extreme Trail nicht nur für mehr Kraft beim Pferd sorgt, berichtet Pferdetrainerin Kerstin Rester. Eine Trainingsmethode mit Suchtpotenzial!

Autorin: Kerstin Rester

Der Wallach Finn wächst an seinen Aufgaben im Trail-Park.
Foto: Martina Tiedemann, Zauberwaldfoto

Warum erfreut sich die Sparte „Extreme Trail“ immer größerer Beliebtheit? Nicht nur auf Social Media sieht man mittlerweile viele Pferd-Mensch-Gespanne am Bodenarbeitsseil, wie sie Wasser, Baumstämme oder so­genannte Wippen überwinden. Oft gehört der Besuch im Extreme Trail für viele Pferdemenschen zum Beispiel in Sachen vertrauensfördernde Maßnahmen oder Kraftaufbau zum Training dazu. Zum einen fördert dies die Zusammenarbeit zwischen Pferd und Mensch sowie Trittsicherheit, Balance und Koordination. Zum anderen ist es eine Disziplin, die in der Regel alle Pferde, angefangen vom Minishetty bis hin zum schweren Kaltblut, ausführen können. Wirklich jeder kann dieses Training absolvieren.

Wir starten den Einstieg in die Herausforderungen des Trails bei uns auf der 7P-Ranch über die Bodenarbeit, grundsätzlich können die Hindernisse natürlich aber auch geritten gemeistert werden. Gerade bei der Bodenarbeit finde ich es persönlich immer wieder faszinierend, wie fein und weich Pferde auch auf große Distanzen mit dem Menschen kommunizieren und sich mittels Köpersprache lenken und leiten lassen. Es braucht keine Kraft! Feinste Signale reichen.

Foto: Viola Drechsler, La Vio Photography

Der wichtigste Punkt für mich ist allerdings die Entwicklung der mentalen Kraft der Pferde. In unserer Art des Pferdetrainings ist es für uns besonders wichtig, die Stärken des Pferdes zu erkennen und zu fördern, aber auch die vermeintlichen Schwächen ins Positive zu wandeln. Bernd Hackl und ich bilden nicht nur Jungpferde aus, sondern nehmen uns auch sogenannter Problempferde an. Gerade für Pferde, die „nicht ins Schema passen“ ist die Arbeit im Extreme Trail Park besonders wertvoll. Viele dieser Pferde haben eine Art Schutzmauer um sich errichtet und sind manchmal mehr, manchmal weniger daran interessiert, wieder mit uns Menschen zusammenzuarbeiten. Die Arbeit an Extreme-Trail-Hindernissen kann hier ein wunderbares Mittel sein, um wieder Zugang zur Pferdeseele zu erhalten. So fallen mir sofort einige Pferde ein, die durch diese besondere Art des Trainings ihr Schneckenhaus wieder verlassen konnten. „Sie machen wieder auf“, so nennen wir diesen besonderen Moment.

Der KWPN-Wallach Wildfire zum Beispiel ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. In seinen jungen Jahren musste er schon allerhand über sich ergehen lassen, weil er vielversprechende Eltern, also eine gute Abstammung hat. Leider ist das Pferdegeschäft sehr oft einfach nur grausam und so wurde Wildfire zum „Problempferd“, das zum Metzger sollte. Zu seinem großen Glück wollte seine jetzige Besitzerin das eben nicht und rettete ihn vor diesem schlimmen Schicksal. Wildfire stand somit der Weg in eine Zukunft voller Verständnis und Liebe offen. Er lief zum Beispiel lammfromm am Fahrrad mit, trotzdem scheiterten jedwede Reitversuche. Manche endeten sogar für die Reiter im Krankenhaus. So kam es, dass „Willy“, so nannten wir ihn auf der 7P-Ranch, im Rahmen der Sendung „Die Pferdeprofis“ zu uns nach Bayern kam. Innerhalb von circa neun Monaten konnten wir Willy wieder die Kraft geben, den Menschen Vertrauen zu schenken, sodass er bereit war, Reiter wieder in allen Grundgangarten auf seinem Rücken zu akzeptieren. Er ist ein vollwertiges Reitpferd mit einer stabilen Psyche geworden. Doch das war ein ziemlich weiter Weg.

Willy war absolut misstrauisch und – zurecht – verstört. Zur mentalen Kraft fand er unter anderem durch die Arbeit mit unseren Ponyhorses Fips und Ferox, also durch eine Wegweisung in Form von Pferdebegleitung, aber auch durch Trainingseinheiten im Extreme Trail Park zurück. Als Fluchttiere sind Pferde auf Sicherheit angewiesen, deshalb ist es extrem wichtig, dass wir als zuverlässige Führungsperson wahrgenommen werden. Es liegt in unserer Verantwortung, Pferden eine Obhut und Sicherheit zu bieten, denn das ist ihr natürliches Bedürfnis. Sie wollen sich sicher fühlen! Bei traumatisierten Pferden ist das erstmal nicht so einfach. Denn gerade, weil sie als Fluchttiere eben schon zum Misstrauen neigen, ist es umso schwieriger, Vertrauen bei den Pferden wiederherzustellen, wenn sie einmal enttäuscht worden sind. Wenn sie einmal erfahren haben, dass man Menschen nicht trauen kann, aus welchen Gründen auch immer, ist es ein langer Weg sie vom Gegenteil zu überzeugen. Und hier spielt der Extreme Trail eine Rolle.

Konsequente liebevolle Führung

Bei der Arbeit an Extreme-Trail-Hindernissen ist es uns möglich, unsere Führungsrolle klar und positiv zum Ausdruck zu bringen. Durch Vermittlung von Ruhe und Gelassenheit kann sich das Pferd an uns orientieren. Die Hindernisse sind in der Regel so angelegt, dass es für die Pferde einen möglichst logischen Lösungsweg durch eine vorgegebene Bewegungsrichtung gibt. Natürlich kann es hier am Anfang zu Schwierigkeiten kommen, wie ein Ausbrechen des Pferdes, ein Wegspringen im Hindernis oder gar das fluchtartige Verlassen des Hindernisses. Es ist sehr wichtig, die Pferde durch diese Schwierigkeiten zu begleiten und ihnen Schritt für Schritt zu erklären, dass es viel mehr Sinn und Spaß macht, mitzuarbeiten und dem Menschen zu vertrauen. Dies geschieht nicht durch Strafen, sondern durch konsequente und liebevolle Führung. Das Loben und Bestärken im richtigen Moment ist ebenfalls ein Teil des Weges zum Erfolg. Ziel ist ein ruhiges, möglichst gleichbleibendes, mittiges Durchschreiten des jeweiligen Hindernisses. Vom Boden aus am möglichst losen Führseil, geritten am möglichst losen Zügel. Denn die Balancestange des Pferdes ist bekanntermaßen Kopf und Hals. So haben die Pferde die Möglichkeit, ein Stolpern in der Regel ganz einfach auszubalancieren, wenn wir sie als Mensch dabei nicht stören.

„Wir Menschen müssen ebenfalls an unserer mentalen Kraft arbeiten und dem Pferd vertrauen.“

Wallach Willy in der Arbeit mit Kerstin Rester auf dem Ponyhorse Ferox. Wegweisung auf dem Weg zur mentalen Kraft.
Foto: Martina Tiedemann, Zauberwaldfoto

„Open your mind, turn loose“, das Zitat von Ray Hunt trifft es hierbei absolut. Das Loslassen des Führseils oder Zügels, aber vor allem auch das innerliche Loslassen ist bei der Arbeit mit Pferden immens wichtig. Oftmals halten uns unsere Gedanken und Erfahrungen davon ab, einfach zu vertrauen und dem Pferd vielleicht sogar einen Vertrauensvorschuss zu geben. So wird nachvollziehbar, dass die Arbeit im Extreme Trail nicht nur für das Pferd äußerst positiv ist, sondern auch für den jeweiligen Besitzer. Wir Menschen müssen ebenfalls an unserer mentalen Kraft arbeiten und dem Pferd zutrauen, dass es uns zum Beispiel sicher über die Hängebrücke trägt.

„Die Arbeit mit Pferden ist aus meiner Sicht vor allem die Arbeit an und mit uns selbst.“

Damit sich Pferde an uns orientieren können, ist es wichtig, dass wir ihnen jeden Tag möglichst mit der gleichen inneren Einstellung begegnen. Eine große Herausforderung für uns Menschen! Wenn wir einen Tag vollkommen gestresst im Stall ankommen und am nächsten Tag eher traurig und überhaupt keine klaren Grenzen setzen, wird es für Pferde sehr schwierig, sich an uns zu orientieren. Die Arbeit mit Pferden ist aus meiner Sicht vor allem die Arbeit an und mit uns selbst.

Nehmen wir nur den Punkt emotionsloses Handeln beziehungsweise die oft zitierte Emotionskontrolle. Hierbei ist klar, dass das bei vielen Menschen an manchen Tagen besser und an manchen Tagen schlechter klappt. Wut und Jähzorn haben aber absolut nichts am Pferd verloren. Pferde sind unsere Spiegel. Das heißt, wenn negative Gefühle und Gedanken auftreten, haben diese meist gar nichts mit dem Pferd selbst zu tun. Ich rate meinen Schülern, der Ursache für diese Gefühle auf den Grund zu gehen und daran zu arbeiten. Sei es ein Job, bei dem man massiv unter Druck steht, Probleme in der Familie oder finanzielle Sorgen. Pferde sollen im weitesten Sinne unsere positive Auszeit sein und meistens sind sie doch so viel mehr, denn sie zeigen uns unsere „Schwachstellen“, und wenn wir bereit sind, daran zu arbeiten, werden wir bessere Menschen.

Kraft durch Selbstbewusstsein

Mentale Kraft beim Pferd entsteht aus meiner Sicht durch möglichst viele positive Erfahrungen. Die schrittweise Erarbeitung der einzelnen Hindernisse in verschiedenen Schwierigkeitsgraden im Extreme Trail führt, wenn man es korrekt ausführt, zu mehr Selbstbewusstsein beim Pferd. Ich erinnere mich an so viele Situationen, in denen Pferde mit stolz geschwellter Brust, gespitzten Ohren und offenen, liebevollen Augen auf den Hindernissen stehen – und ihre Besitzer mit Tränen in den Augen. Wir haben diesen Tieren so viel zu verdanken und sind es ihnen schuldig, alles dafür zu tun, dass es ihnen in unserer Welt mit uns als Partnern so gut wie möglich geht. Dafür benötigt man übrigens nicht unbedingt einen Extreme Trail Park.
„Finn ohne Furcht“

Die Hindernisse im Extreme Trail sind leicht bis anspruchsvoll. Auch Bernd Hackl setzt im Training auf die Abwechslung des Parks.
Foto: Viola Drechsler, La Vio Photography

Auch unser „Finn ohne Furcht“, ein kleiner Quarter-Horse-Wallach, hat von der Arbeit im Extreme Trail Park sehr profitiert. Anders als bei Willy lag hier der Schwerpunkt weniger auf der Psyche, sondern mehr auf der Wahrnehmung seines Körpers und Entwicklung der Balance. Finn kam mit einem Jahr zu Bernd und mir. Wir haben ihn aus einer Pferdeklinik mit dem Befund „Bewegungsstörung“ übernommen. Der kleine Mann war ein ziemliches Häufchen Elend und hatte noch keinen Namen, weshalb wir ihn als „Finn ohne Furcht“ eintragen ließen. Als Pferdetrainer dachten wir, wenn jemand eine Bewegungsstörung in den Griff bekommen kann, dann wir. Finn ist sehr oft einfach umgefallen und hat, seit wir ihn kennen, Ataxie. Natürlich haben wir alles abklären lassen, ihn osteopathisch behandelt und vieles mehr. Tierärzte konnten 2016 einen Bruch in der Halswirbelsäule diagnostizieren und mittlerweile feststellen, dass Finn zusätzlich auch ECVM (Equine Cervical Vertebral Malformation) hat.
Die Prognose 2016 war ungewiss, eventuell „verwächst“ es sich. Heute ist Finn neun Jahre alt und aufgrund seiner ausgeprägten Ataxie nicht reitbar, aber absolut glücklich in unserer Wallachherde. Er ist ein sehr lebenslustigstes Kerlchen, das durch seine verrückte Art immer positive Stimmung verbreitet.

Als die ersten Hindernisse 2018 in unserem Extreme Trail Park auf der 7P-Ranch fertiggestellt waren, haben wir mit Finn begonnen, seine motorischen Fähigkeiten zu schulen und zu verbessern. Auch mental war diese Arbeit für ihn wahnsinnig anstrengend. Man sah förmlich seinen Kopf rauchen. Das gezielte Ansteuern der Hinterbeine musste er bis dato nie auf diese Art und Weise ausführen. Er ist zum Beispiel sehr oft vom Schwebebalken runtergestolpert, hat sich dabei allerdings nie entmutigen lassen, sofern man einem Pferd dieses Gefühl zusprechen kann. Finn hat nie aufgegeben. Egal wie oft etwas nicht geklappt hat. Die Möglichkeit, die gleiche Ausgangssituation immer wieder herzustellen, ist ein weiterer Pluspunkt bei dieser Art der Arbeit. Man hat Zeit, Pferde an verschiedene Dinge zu gewöhnen, sei es, das Wackeln und Wippen einer Hängebrücke oder die Oberfläche eines Wasserhindernisses. Auch die Koordination in einem Mikado, welches ein vom Sturm gebeuteltes Waldstück simuliert, bei dem kleinere und größere Äste und Bäumstämme wild durcheinander gewürfelt sind, kann zu Beginn des Trainings zur Herausforderung für das Pferd werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Pferde und ihre Besitzer enorm durch die Arbeit im Extreme Trail Park profitieren. Zu erfahren, dass man auf minimale Hilfengebung vom Boden aus, wie auch beim Reiten, fein und präzise kommunizieren und somit als Team noch stärker zusammen wachsen kann, ist einfach unbeschreiblich und hat aus meiner Sicht sogar Suchtpotenzial! Die Arbeit im Extreme Trail ist für uns auf der 7P-Ranch eine wunderbare Ergänzung zu unserem breitgefächerten Trainingssystem. Natürlich kann Extreme Trail ein komplex aufgebautes Training mit vielen Facetten nicht ersetzen. Grundsätzlich ist es aber eine tolle Möglichkeit, die Kraft im Pferd sowohl physisch als auch psychisch zu fördern, und auch den Menschen zu befähigen, in der Arbeit mit seinem Pferd über sich hinauszuwachsen.

Expertin

Kerstin Rester arbeitet seit 2016 auf der 7P-Ranch von Bernd Hackl in der Oberpfalz und ist mittlerweile selbst Pferdetrainerin. Sie bietet Reitunterricht an, bildet Pferde aus und arbeitet gemeinsam mit Bernd Hackl an sogenannten „Problempferden“. Kerstin ist ein fester Bestandteil des Teams und hat an zahlreichen Fachbüchern als Expertin und Autorin mitgewirkt. Da­rüber hinaus tritt sie regelmäßig auf Shows und Messen auf und leitet eigene Kurse für Pferd und Reiter. Zusätzlich moderiert sie unter anderem das YouTube-Format „7P CoffeeTime“, bei dem sie gemeinsam mit Bernd Hackl bei einer Tasse Kaffee über Themen der Pferdewelt spricht, die sie bewegen.
Foto: Viola Drechsler, La Vio Photography