Eine lange, dichte Mähne und ein voluminöser Schweif sind Zeichen guter Pferdegesundheit. Doch: Wofür dienen sie dem Pferd? Sind sie veranlagt? Kann man sie durch gute Pflege züchten? Gemeinsam mit Friesenzüchterin Sylvia Schädlich haben wir uns auf Antwortsuche begeben. Titelfoto: Gabriele Boiselle


Die Reiterwelt spaltet sich im Hinblick auf die Mähne in zwei Lager: Die Verfechter einer ordentlichen, kurzen Sportfrisur und diejenigen einer majestätisch langen Traummähne. Als Friesenzüchterin weiß Sylvia Schädlich um den Wert von gut gepflegten Pferdehaaren. Ihr Friesenhengst Odin vom Urfftal besitzt eine Mähne, die als Schönheitsideal bezeichnet werden kann. Vom Ansatz bis zur Spitze hat seine Mähne eine Länge von rund 140 Zentimetern, dick, gewellt und seidig glänzend. Bei Odin hat Sylvia Schädlich auch schon zur Schere greifen müssen. Eine Sache, mit denen die teuren Friesenmähnen eher selten in Berührung kommen. „Odins Mähne wächst jedoch so gut, dass sie immer wieder mal zu lang ist und er Gefahr läuft, sich draufzutreten“, sagt die Züchterin. Denn so schön eine lange Mähne auch aussieht, sie birgt immer auch Verletzungsgefahr, durch hängen bleiben oder drauftreten. „Also, muss ich regelmäßig wenige Zentimeter kürzen. Bei einigen anderen Hengsten schneide ich regelmäßig die Spitzen, wenn sie zu dünn werden. Ich mache das immer stufig. Andere empfehlen es halbmondförmig. Wichtig ist, dass es nicht wie ein Prinz-Eisen-Herz-Schnitt aussieht.“

Lange Haare sind veranlagt

Aber: Was ist denn nun das Geheimnis einer so langen Mähne? Ist sie veranlagt? Ja, Fülle und Länge von Mähne und Schweif sind in der Hauptsache genetisch bedingt. „Haben die Eltern und Großeltern des Pferdes eine gute und lange Haarstruktur, kann man früher oder später auch beim Nachwuchs damit rechnen“, erklärt Sylvia Schädlich. „Ich habe nur ganz wenige Beispiele erlebt, bei denen das nicht gestimmt hat. In diesen Fällen hatten die Pferde jedoch gesundheitliche Probleme.“ Einige Wissenschaftler vertreten sogar die These, dass wallende Mähne und Schweif dem Pferd erst durch den Menschen angezüchtet wurden. Die These geht vom genetischen Defekt Hypertrichose aus, einer übermäßigen Behaarung. Pferde und andere Equiden mit diesem Gendefekt sollen in den Anfängen der Evolution ihre Mähne und Schweifhaar im Fellwechsel nicht vollständig abgeworfen haben, und daher die Urahnen der heutigen Langhaar-Rassen wie Friesen, Haflinger und Lipizzaner sein. Andere Forschungsbeiträge wiederum zeigen auf, dass Pferde Mähne und Schweif zum Schutz vor der Witterung und Insekten entwickelt haben.

Haarstruktur als Spiegel der Pferdegesundheit

Schönheit kommt bekanntlich von innen. Um Pferde im körperlichen Gleichgewicht zu halten und ihnen damit auch eine gute Grundlage für glänzendes Fell und Haare zu schaffen, muss die Ernährung stimmen. Spätestens ein stumpfes, glanzloses Fell und brüchige Schweif- und Mähnenhaare weisen auf einen Mangel im Pferdekörper hin. „Wir achten generell auf eine sehr gute Heuqualität. Damit ist schon viel gewonnen“, sagt Sylvia Schädlich. „Das Raufutter ergänzen wir gezielt mit Kraft- und Mineralfutter. Das lässt sich jedoch nicht verallgemeinern, da jedes Pferd unterschiedliche Bedürfnisse hat.“ Im Zweifel können Blutanalysen und professionelle Futterberatungen Mängel aufzeigen und gezielt ergänzen. Wichtig ist: Viel hilft nicht viel. Denn zu viel Kraftfutter kann Schuppenbildung begünstigen. Die Pferde neigen dann dazu, sich zu scheuern – und das macht Mähne und Schweif brüchig.

Kaiserliches Pflegeprogramm für lange Mähne

Kaiserin Sisi von Österreich bezeichnete sich in einer ihrer Schriften als „Sklavin ihrer Haare“. Die Monarchin war 1,72 Meter groß und ihre Haare reichten ihr bis zu den Knöcheln. Rund drei Stunden am Tag benötigten ihre Kammerdienerinnen allein für das Kämmen. Die Pflege der langen Pferdemähnen ist ähnlich aufwendig und intensiv, wie bei der Kaiserin von Österreich. „Wenn ich Odin im Frühjahr und Sommer regelmäßig die Mähne wasche, brauche ich dafür gut zwei Stunden“, sagt Sylvia Schädlich. Odins Mähne ist nicht einfach nur lang, sondern auch sehr dick. Sie komplett zu durchfeuchten, zu shampoonieren, auszuwaschen, einzusprühen, vorsichtig zu bürsten, trocknen zu lassen und neu einzuflechten braucht eben seine Zeit.
Für Mähne und Schweif gilt gleichermaßen: Verlesen ist die schonendste Methode, um das Haar zu ordnen. Wer doch lieber regelmäßig zur Bürste greift, sollte eine mit festen Noppen nutzen. Jegliche Art von Drahtbürste ist der Feind eine langen Wallemähne.

Pferdehaare von unten nach oben bürsten

Beim Bürsten gilt: Zunächst das Ende des Schweifes oder der Mähne mit der Hand umgreifen oder um die Hand wickeln und zunächst die Spitzen ausbürsten. Von der Spitze zum Ansatz hocharbeiten, aber natürlich immer in Wuchsrichtung kämmen. Mähnensprays auf natürlicher Pflegebasis machen Mähne und Schweif seidiger, besser kämmbar und schützen das Pferdehaar vor Schmutz. Sie werden vor dem Bürsten ins Langhaar gesprüht. Mähne und Schweif sollten zudem täglich von Schmutz, Staub, Schlamm und Einstreu befreit werden. Sie machen das Haar brüchig. „Viele vergessen dabei den Ansatz unter dem Zopf mit der Kardätsche auszubürsten“, sagt Sylvia Schädlich. „Deshalb mein Tipp: Beim Putzen den Zopf auch mal auf die andere Seite legen, um den Staub am Ansatz zu entfernen. Hygiene ist für lange Mähne unerlässlich. Denn Staub juckt irgendwann und die Pferde beginnen sich zu scheuern.“

Lange Mähne regelmäßig waschen

An den ersten wirklich warmen Tagen steht für die Vierbeiner Duschen auf dem Plan. Endlich können die fettigen, talgigen Stellen aus Mähne und Fell gewaschen werden. „Anschließend gilt je nach Bedarf mal mit Pferdeshampoo waschen“, empfiehlt Sylvia Schädlich. Zu häufiges Waschen mit Pflegemitteln greift die empfind­liche Pferdehaut an, schwächt ihre natürliche Barriere und macht sie für Infektionen anfällig. Nach dem Waschen muss die Mähne vollständig getrocknet sein, bevor sie locker eingeflochten werden kann.

Flechtfrisur für gleichmäßiges Mähnenwachstum

Bei Mähnenwundern wie Odin stellt sich die Frage nach der Flechtfrisur nicht. „Würde ich seine Mähne nicht flechten, würde er sich beim Liegen oder Fressen auf die Mähne treten und sie sich schmerzhaft ausreißen“, erklärt Friesenzüchterin Sylvia Schädlich. Lediglich die Mähne ihrer Jungpferde flechtet sie nicht ein. Doch sobald die Pferde in die Ausbildung gehen, erhalten sie ihre erste Frisur. Meistens sind die Mähnen ihrer Zuchtvertreter dann schon so lang, dass es nötig wird. Das hat auch praktische Aspekte: Schweiß lässt die Mähne verkleben. Für das Wachstum ist das suboptimal. Beim Zügelaufnehmen hätte der Reiter ständig Haare in den Händen, was eine feine Hilfengebung erschwert und Haare ausreißt. Eine eingeflochtenen Mähne ist weniger pflegeintensiv. „Das Haar kann geflochten einfach gleichmäßiger wachsen. Wichtig ist, den Bauernzopf während des Flechtens nicht festzuziehen. Zu fest geflochtene Mähnenhaare brechen“, sagt die Friesenzüchterin. „Die einzelnen Strähnen sollten von unten waagerecht entlang des Halses geflochten werden. Das Ergebnis ist ein Zopf, der sich am Mähnenkamm „verschieben“ lässt. Dann ist das Haar auf jeden Fall nicht zu fest geflochten.“

Pferdeschweif regelmäßig kürzen

Anders als die Mähne, muss der Schweif auch bei Langhaar-Pferden regelmäßig gerade geschnitten werden. Richtmaß ist immer das Fesselgelenk, so gekürzt kann sich das Pferd nicht auf den Schweif treten. „Ein voluminöser Schweif ist auch eine Sache der Pflege. Er sollte täglich verlesen werden. Stroh, Einstreu und grober Dreck müssen raus“, sagt Friesenzüchterin Sylvia Schädlich. „Tägliches Durchbürsten und ein voluminöser Schweif funktionieren deshalb nicht zusammen, weil durch das Bürsten zu viele Haare ausgerissen werden und der Schweif früher oder später von unten nach oben ausdünnt.“

Kötenbehang täglich ausbürsten

Insbesondere Friesen, Tinker und Shire Horses sind für ihren üppigen Kötenbehang an den Beinen bekannt. Optisch runden die langen Haare rund um das Fesselgelenk den Gesamteindruck ab und sind ein wichtiges rassetypisches Merkmal. Sie haben für den Pferdekörper eine Schutzfunktion, indem sie Wasser von der empfindlichen Fesselbeuge fernhalten. Jedoch brauchen speziell diese Haare regelmäßige, akribische Pflege, um die Pferde vor Mauke zu schützen. Für Keime, Bakterien und Milben bietet der Kötenbehang den perfekten Lebensraum: feucht, warm und lichtgeschützt. Die Hautschuppen stillen ihren Hunger. Ideale Bedingungen für die Vermehrung. Pferde, die von Milben geplagt werden, kratzen sich häufig an den Beinen und stampfen mit den Hufen. Milben führen im schlimmsten Fall zu Mauke, einem schmerzenden, teilweise blutigen Hautekzem. Sie zu vermeiden ist nur über Hygiene und einen guten Stoffwechsel möglich. Die Pferde sollten möglichst trocken und sauber stehen, der Behang täglich mit einer Fesselbürste gut ausgebürstet werden. „Das zieht zum einen den Dreck aus den Haaren und zum anderen sieht und fühlt man dann, ob sich die Haut in Richtung Mauke verändert“, sagt Sylvia Schädlich vom Friesengestüt Oberurff in Nordhessen.

Sylvia Schädlich auf Hannes vom Urfftal
Sylvia Schädlich auf Friesenpferde-Deckhengst Jannes vom Urfftal vor Schloss Wickrath. Foto: Grau

EXPERTIN
Sylvia Schädlich züchtet seit über 30 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Klaus Vössing im Urfftal Friesenpferde. Das Gestüt in Oberurff bei Bad Zwesten zählt zu den größten Deckstationen in Deutschland und hat den bisher einzigen deutschen Elitehengst hervorgebracht. Der Friesenpferde Zuchtverband e. V. hat den Deckhengst Keimpe Jan fan Bommelsteyn aufgrund seiner sportlichen und züchterischen Erfolge posthum mit dem Titel ausgezeichnet. Zudem übernimmt Sylvia Schädlich die Ausbildung von Friesen und schult ihre Reiter nach barockem, aber auch modernem Lehrvorbild. Mehr Infos erfahren Interessierte auf www.friesenpferde-oberurff.de und auf Facebook unter „Friesenpferde Oberurff“.