Pferde sind Lauftiere und keine Lastenträger. Von Natur aus sind sie nicht in der Lage, das Reitergewicht ohne Schaden zu tragen. Der Anpassungskünstler Pferd besitzt jedoch keinen Schmerzlaut und erträgt daher jahrelang stillschweigend sein Schicksal. Bis der Pferdekörper sagt: „Ich kann nicht mehr!“, Diagnose: Trageerschöpfung. Titelfoto: Shutterstock

Auch in zehntausenden Jahren menschengeleiteter Zucht hat sich an der Biomechanik des Pferdekörpers nichts verändert. Als Lauftiere besitzen Pferde kein Schlüsselbein, das – einem festen Brückenpfeiler ähnlich – ihren Rumpf für das Tragen von Lasten stabilisieren würde. „Bildlich betrachtet kann der Pferdekörper mit einer Hängebrücke verglichen werden: Brustkorb und Rücken sind wie der schwankende Brückenteil, der über Muskeln und Faszien an den Stützpfeilern Schulter und Becken aufgehängt ist“, erklärt Pferdetherapeutin Caroline Mayr von Balance Soul. Wird diese Brücke belastet, senkt sie sich unter dem Gewicht ab und beginnt zu schwanken. „Es braucht weitere Spannseile, um die Brücke zu stabilisieren“, sagt Mayr. Nimmt nun der Reiter auf einem Pferd Platz, senkt er mit seinem Gewicht den Rumpf des Pferdes ab und bringt es damit aus der Balance.

Um den Reiter gesund tragen zu können und die Überlastung des Rückens und die Dauerspannung in Brust- und Halsmuskeln sowie den Balanceverlust zu vermeiden, brauchen unsere Pferde starke Rumpfmuskeln. Ein Detail, das in der modernen schnelllebigen Pferdeausbildung gern außer Acht gelassen wird und zu verschiedenen Krankheitsbildern führt wie Kissing Spines, Hunter’s Bump (Karpfenrücken) und Fesselträgerschäden. Sie alle deuten auf eine muskuläre Dysbalance im Pferdekörper hin, die unter dem Oberbegriff „Trageerschöpfung“ bekannt ist. Durch diese kann das Pferd seine Rumpfmuskeln nicht mehr korrekt einsetzen, um den Reiter gesund zu tragen. Von dieser Dysbalance können Sportpferde jeden Alters gleichermaßen betroffen sein wie Freizeitpferde, Jungpferde und Zuchtstuten.

Frühe Zeichen einer Trageerschöpfung
Eine Trageerschöpfung wird nicht sofort und akut sichtbar, sondern entwickelt sich in einem langen Prozess, an dessen Ende ein Senkrücken ist. Auf dem Weg in diese Senke gibt es zahlreiche Anzeichen, die auf eine Trageerschöpfung hinweisen könnten:

▪ Buckeln
▪ Energielosigkeit, Klemmen
▪ Gurtzwang
▪ eine ausgeprägte Unterhalsmuskulatur
▪ lautes Auffußen, Stampfen
▪ Pferd läuft vorhandlastig
▪ Pferd zeigt ein steifes, staksiges Gangbild
▪ hängender Bauch
▪ Rippen stehen heraus, bei hervorstehendem
Brustbein
▪ Lendenbereich ist immer wieder verspannt
▪ Pferd lässt im Genick nicht los,
blockiertes Zungenbein
▪ deutliche Kuhlen in der Sattellage

Vielen Pferdehaltern bzw. Reitern fällt es jedoch schwer, diese Reaktionen und Verhaltensweisen als Zeichen für das Leid des Pferdes zu verstehen. Häufig wird das Pferd dann eher als „nicht kooperativ“ bezeichnet.
Pferde hegen jedoch keine Hintergedanken und haben für ihre widersetzlichen Reaktionen meistens schmerzhafte Gründe. Zeigt ein Pferd eine der oben genannten Reaktionen, tun Pferdebesitzer gut daran, sich den Rat ­eines Pferdeosteotherapeuten einzuholen. „Die schlechte Nachricht: Leidet das Pferd bereits an Trageerschöpfung muss der Reiter für lange Zeit absteigen und gründlich nach den Ursachen suchen. Die gute Nachricht: Trageerschöpfung bzw. muskuläre Dysbalance lässt sich behandeln“, sagt Pferdetherapeutin Caroline Mayr. Sie rät zu einer ganzheitlichen Therapie, die Pferd und Reiter gleichermaßen betrifft. „Oft lasse ich mir die Pferde in den Terminen vorreiten. Ich kann dann sehen, wie und ob der Sattel passend sitzt, wie der Reiter sitzt, wie seine Zügeleinwirkung ist, wie das Pferd auf all das reagiert. Hebt es sich heraus oder verkriecht es sich schnell hinter der Senkrechten?“, erklärt Mayr. Diese Hinweise helfen ihr, eine passende Therapie zu entwickeln.

Muskuläre Dysbalance: Zu früh, zu schnell, verschlissen

Anatomisch betrachtet sind die Wachstumsfugen in den Gelenken der Pferde erst mit frühestens fünf Jahren geschlossen, bei den Spätentwicklern eher erst mit sieben Jahren. Bis zu diesem Alter können Pferde das Reitergewicht nicht wirklich entspannt tragen. Der häufigste Grund für die Trageerschöpfung ist daher in den meisten Fällen zu frühes Anreiten junger Pferde. „Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass unsere Pferde von Natur aus keine Lastenträger sind“, erklärt Caroline Mayr. „Deshalb müssen wir ihnen schon vor dem ersten Aufsitzen helfen, die richtigen Muskeln entspannt zu aktivieren. Wir müssen ihnen also helfen muskulär ins Gleichgewicht zu kommen.“

Muskelaufbau: Hinterhand-Gymnastik als Basis

Mit guter Grundlagenarbeit vom Boden und Sattel aus entwickeln die Pferde in den muskulären Gegenspielern des Rückens die nötige Tragkraft, um ohne nachhaltigen Schaden den Reiter auszuhalten. „Konnten die verspannten Partien des Körpers erfolgreich durch die osteotherapeuthische Behandlung und gezieltes Training entspannt werden, kann der Muskelaufbau vom Boden aus behutsam beginnen“, sagt Pferdetherapeutin Mayr.