Autor: Christoph Ackermann

Entstanden ist der Wettkampf zu Pferd bereits vor Jahrhunderten. Im Turnierreiten geht es heute wie damals um die Leistungserbringung im Wettkampf. Die Grundidee ist gut, denn sie soll dem Reiter Ansporn, Motivation und zugleich Verbesserungsgrundlage für seine weitere Ausbildung sein. In der Neuzeit kam dann neben Rennreiten, Springreiten und Military die Disziplin Dressurreiten auf. Gehorsam und Rittigkeit waren hier gefragt, Eigenschaften, die in der militärisch geprägten Nutzung des Pferdes lebensentscheidend sein konnten. Im Dressurreiten errang Deutschland seit Mitte des 19. Jahrhunderts gesteigerte Beachtung in der ganzen Reiterwelt, deren Höhepunkt etwa Mitte der 1930er-Jahre erreicht wurde. Dieser reiterliche Weltruhm, der bis heute seine Spuren hinterlassen hat, machte uns über Jahrzehnte zu einer angesehen Reiternation.

Neuer Gedanke des Turniersports

Aber wie präsentiert sich die jetzige Turnierreiterei? Eins ist sicher: Die Prinzipien der klassischen Reiterei hat der Turniersport heute längst hinter sich zurückgelassen. Das Wissen um die Details, wie also pro Pferd Leistung eingefordert werden kann und wo sich deren Grenzen befindet, ist seit ewigen Zeiten in der klassischen Literatur exakt beschrieben. Denn in dieser naturgemäßen – und das verstehe ich unter „klassisch“! – Reitkunst stehen von Anfang an die Kräftigung des Pferdes und der Ausbau seiner Bewegungen analog zu seinen individuellen, natürlichen Gegebenheiten im Vordergrund. Freilich: Heute geht es um Sport in Reinform, der sich (zum Glück) ohne die ursprünglichen militärischen Notwendigkeiten präsentieren darf.

„Die Mitgliederzahlen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung
sinken und die kleinen und mittelgroßen Reitturniere
verlieren für Fachzuschauer und externes Publikum ihre Attraktivität.“


Sinkende Mitgliederzahlen bei der FN

Wie also ist die Dressurreiterei im Turniersport heute national organisiert? Die Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN), mit Sitz in Warendorf sieht sich als maßgebende Institution in punkto Reiterei und Pferdehaltung und möchte für alle Reiter sprechen. So sollte das artgerechte Training der Pferde im Mittelpunkt einer klassischen Ausbildung stehen. Dokumentiert wird dies in den FN-eigenen Richtlinien, die ihren Ursprung in der H.Dv.12 hatten. Damit sollte die FN eigentlich „Hüter des Grals“ sein. Die Richtlinien wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder überarbeitet und dem Zeitgeist angepasst. Ganz gleich jedoch, ob wir uns im Freizeitreiterbereich, auf Messen oder im Turniersport befinden, überall finden wir, wie eben auch in diesen Anpassungen, ein immer weiteres Entfernen der Reiter- und Pferdeausbildung von ihrem klassischen Ursprung – die negativen Auswüchse sind ja ganz offen zu sehen. Das Resultat: Die Mitgliederzahlen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung sinken und die kleinen und mittelgroßen Reitturniere verlieren für Fachzuschauer und externes Publikum ihre Attraktivität.

Nach den FN-eigenen Erhebungen von 2019 gibt es in Deutschland rund 3,9 Millionen besonders am Pferdesport Interessierte. In der FN, dem größten deutschen Reiterverband sind nur circa 683.000 organisiert, das entspricht ca. 17,5 Prozent aller Reiter. Hiervon haben rund 80.000 eine Turnierlizenz, das entspricht etwa 0,2 Prozent aller Reiter in Deutschland.  Ein noch geringerer, prominenter Bruchteil davon wird mit Vorbildcharakter in Fachmagazinen als gut und richtig hervorgehoben, zum Teil mit Fotos, bei denen Körperhaltung, Balance und Takt nicht in Ordnung sind.

„Die Visitenkarte, die der Sport hier abgibt,
ist für sehr viele Reiter nicht
mehr akzeptabel geworden.“

Mehr Empathie im Wettkampf

Die grobe Reiterei auf den Turnierplätzen nimmt auf diese Weise kein Ende und daran kann sich ein Reiter, der empathisch mit seinem Pferd umgehen möchte, kaum orientieren. Genau diese überwiegende empathische Mehrheit der Reiter gilt es aber für den Verband zu gewinnen! Der Turniersport sollte doch Anreiz sein, Reiter als Mitglieder zu rekrutieren. Nun, die Visitenkarte, die der Sport hier abgibt, ist für sehr viele Reiter nicht mehr akzeptabel geworden. Die FN wirkt auf auch auf mich (als Mitglied!) wie ein alter großer Fels, der schon ewig da ist, zu wenig bewegt und viel zu wenig dazugelernt hat.

Der Grundgedanke des Dressurreitens beginnt mit der Reinheit des Gangs, der Lockerheit und der Einhaltung der diversen, dafür dringend notwendigen Gleichgewichtszustände von Pferd und Reiter. Dabei soll das Pferd so entwickelt, gymnastiziert und gefördert werden, dass sein Körper vervollkommnet wird, sodass das Zusammenwirken aller Glieder und Körperteile in einer losgelassenen, harmonischen Form möglich ist. Solange wir uns an diese natürlichen Vorgaben des Pferdes in der Ausbildung richten, genauso lange sind wir in der Möglichkeit, mit dem Pferd zu arbeiten.

Zu schnell zu viel verlangen

Das Gegenteil davon findet statt, wenn wir Pferde künstlich im Hals runden oder anderweitig zusammenschrauben, um dort eine vermeintliche „Versammlung“ und „Haltung“ hingedrückt zu bekommen, die so aber gar keine reelle Versammlung mehr ist und somit vom Pferd auf Dauer weder ertragen noch durchgehalten werden kann. Ein Abbiegen oder Runden des Halses im zweiten und dritten Halswirbel entspricht genau nicht der von der klassischen Reitkunst – im Ergebnis aller guten Vorbereitung – eingeforderten, freiwilligen Hergabe des Genicks! Mit der künstlichen Verkürzung (Rundung) des Halses und der damit einhergehenden Veränderungen der natürlichen und an und für sich hochgradig leistungsfähigen Rückentätigkeit des Pferdes, befinden wir uns bereits im Bereich der Arbeit gegen das Pferd. Auf das Unwohlsein des Tieres will ich hier nicht weiter eingehen, da es sich, aus der Logik heraus selbst erklärt. Das Pferd ist dann faktisch unser Gegner unterm Sattel. Die darauf ausgerichteten Reitweisen zielen auf die gewaltsame Unterwerfung und Schwächung des Tieres ab (Rollkur ist nichts anderes!) und sind damit, auch wegen des einhergehenden Schmerzes, der dem Tier billigend zugefügt wird, absolut tierschutzrelevant.

Christoph Ackermann – Starker Galopp. Foto: Ch. Schaffa
Christoph Ackermann setzt in seiner Ausbildung von Pferd und Reiter auf die Lehre von Egon von Neindorff. Foto: Ch. Schaffa



Basis der frühen Turnierreiterei

Um Derartiges zu vermeiden, bzw. „gut zu reiten“ – ganz gleich auf welchem Level – brauchen wir ein tiefes Verständnis für die individuellen Möglichkeiten unseres Pferdes und müssen unseren reiterlichen Fokus zuallererst auf unsere eigene theoretische Weiterbildung sowie unseren Reitsitz legen, der nur in einer korrekt ausgeführten Form mit seiner Hilfengebung die richtigen  Wirkungspunkte unseres Pferdes ansprechen kann, damit wir vom Pferd ein intuitiv richtiges Resultat bekommen. Und darüber hinaus haben wir auch noch zwei entscheidende, wichtige Bausteine zu berücksichtigen: nämlich zum einen die Balancesituationen des Pferdes und zum anderen die Skala der Ausbildung. Das alles auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, ist auch für einen guten Reiter eine ernstzunehmende, jahrelange Herausforderung. Dieses im Sinne der Harmonie zu erreichen, war die Basis des früheren Turnierreitens. Und kein geringerer als Waldemar Seunig beginnt seinen Aufsatz anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums der Deutschen Richtervereinigung (DRV) folgendermaßen:

„Das Gedankengut, das die Meister der letzten 16 Jahrzehnte
schöpferisch erarbeitet haben, soll durch die Deutsche Richtervereinigung (DRV)
gepflegt und lebendig erhalten werden. Ihr obliegt die Steuerung.“

Seit über fünf Jahrzehnten stellen wir nun aber einen andauernden und fortschreitenden Wertewandel fest. Zurückzuführen ist dies auf die – und ich unterstelle in vollem Bewusstsein – getroffene Entscheidung für die Show im Turniersport. Die Hoffnung dahinter ist die Publikumswirksamkeit für die Zuschauer, die sich eine spektakuläre Dressurkür ansehen und von den sensationell hohen Noten beeindruckt seien sollen. Das Fachpublikum allerdings folgt dieser Vorlage nicht, denn die gezeigten, künstlich erzeugten Bewegungsabläufe sind alle wider die Natur des Tieres und werden der Forderung nach dem reinen, natürlichen Gang und der feinen Kooperation der beiden unterschiedlichen Nervensysteme, Reiter und Pferd, in Bewegungsharmonie nicht gerecht. Eine für das Pferd verständliche Art und Weise, nämlich aus dem prozessualen, individuell angepassten Trainingsaufbau entlang der Ausbildungsskala Bewegungs- und Leistungsvermögen zu bilden, wird daraufhin über Bord geworfen. Die offizielle Argumentation ist gerne die, dass unsere heutigen modernen Pferde anders geritten werden müssten als in der Theorie beschrieben, da sie viel leichter zu bedienen seien als früher. Der Nachteil liegt auf der Seite der Pferde. Das Ergebnis solcher Fehleinschätzungen: Ein aus dem Rücken heraus gehendes Pferd scheint für den Turniersport uninteressant, die Bewegungen sehen zu leicht im Sinne von „normal“ aus. Dem Weg zum Schenkelgänger und zum mechanisierten Pferd ist damit Tür und Tor geöffnet worden. Die Position gegen eine Hankenbeugung und gegen den Schwung aus der Hinterhand, der im Trab wie Galopp bei der Dressur das Haupterfordernis darstellt, hat zugunsten von ausladenden Fuchteleien der Vorhand die Oberhand gewonnen. Während Steinbrecht noch – wie viele andere alte Meister – den Zirkus und die reine Showmanier, in der die Pferde schon zu seiner Zeit immer wieder gezeigt wurden, als pferdverachtend ablehnte, gehört dies nunmehr bedauerlicherweise aber offen sichtlich zum guten Ton. Die Sportreiterei liefert in der Öffentlichkeit eine negative Steilvorlage, die es gar nicht bräuchte. Das jedenfalls war Grund genug für mein Lehrmeister, Egon von Neindorff, der vor vielen Jahrzehnten aufhörte, auf Dressurturnieren zu starten und auch später lehnte er es ab, weiterhin als Richter zu fungieren. Beides war ihm aus ethischer Sicht den Pferden gegenüber nicht mehr möglich.

„Die Pferde sind für die in der Prüfung abverlangte Leistung
im Durchschnitt zu jung und sowohl physisch
als auch psychisch nicht genügend gekräftigt(…)“

Der Preis steht im Vordergrund

Das Turnierpferd ist zum Prestigeobjekt und reinen Verkaufsprodukt degradiert worden. In der Öffentlichkeit wird vor allem darüber gesprochen, was das Pferd gekostet hat. Hohe Preise versetzen alle in Staunen und begründen für viele die Basis des Erfolgs. In früheren Zeiten wurde eher mal der Reiter auf dem Pferd ausgetauscht. Heute hingegen ist das Pferd zum Substitutionsprodukt geworden und der Handel bestimmt, in welchem Alter ein Pferd genau diese oder jene Leistung zu liefern hat. So entstanden Alterskategorien für Jungpferdeprüfungen, ein Verkaufsschema, bei dem Pferde, die nicht hineinpassen, abqualifiziert werden, ganz gleich, wie die individuelle Situation des Pferdes aussieht und ganz egal, ob dieses Pferd sich später noch entwickeln könnte. Die Leistung, deren Vorarbeit also allein durch die Zeit definiert ist, wird so in vereinfachte, verkaufsrelevante Kategorien gepackt. Sehr viele Richterurteile sind leider daraufhin angepasst. Beispielsweise startet diese Schematisierung bereits bei den Jungpferdeprüfungen. Die Pferde sind für die in der Prüfung abverlangte Leistung im Durchschnitt zu jung und sowohl physisch als auch psychisch nicht genügend gekräftigt, um die für die Aufgaben erforderliche Losgelassenheit zu erbringen. Woher auch, ihnen fehlt Zeit und ein altersgerechtes Training! Das Schlimme: Alle Beteiligten wissen, dass dieses Vorgehen bei den Pferden in der Folge Schäden hervorruft, aber was spielt das noch für eine Rolle! Ziel ist es, einen möglichst profitablen Schnitt beim schnellen Verkauf des Jungpferdes zu erzielen. Rücksichtslos wird dann je nach Bedarf die klassische Lehre verbogen oder sogar neu „erfunden“, damit das Ganze mit guten, den Käufer zufrieden stellenden Argumenten unterstrichen werden kann.

Christoph Ackermann - Traversale. Foto: Ch. Schaffa
Christoph Ackermann reitet selbst in den hohen Klassen Turnier und ist davon überzeugt: Sportlich orientiertes Reiten ist auch pro Pferd möglich – wenn sich an einigen Bewertungskriterien etwas ändern. Foto: Ch. Schaffa


Turnier: Ja – aber nicht zum Preis der Pferdegesundheit

Doch diese Missstände werden zwischenzeitlich wahrgenommen und so ist das öffentliche Interesse an Fairness, im Sinne eines natürlichen Umgangs mit dem Pferd, immer größer geworden. Egal ob Funktionäre, Händler, Richter oder Reiter: Wer aufgrund monetärer Prioritäten, Eitelkeit oder einfach Mitläufertum dem Partner Pferd seine natürliche Individualität nimmt und keine Chance für eine artgerechte Entwicklung zulässt oder wer Reiter abwertet, die es besser machen möchten zugunsten einer ehrlichen, fundierten Ausbildung und die gegen das mittlerweile gelernte Schema auf Spektakel verzichten, ist von der klassischen Reiterei galaxienweit entfernt.

Es gehört eben keineswegs dazu, dass das Spektakel über den Grundsatz gestellt wird, die Pferde durch die systematische Arbeit ruhig, gewandt und gehorsam zu machen. Dabei soll sich das Pferd doch freudig dem Willen des Reiters unterordnen, es soll sich in seiner ganzen Schönheit entfalten können. So dass zu Recht das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde zitiert wird. Es gehört aber keineswegs zum Glück dieser Erde, für beide Partner, wenn der Reiter dauernd mit seinem Pferd in irgendeiner Art kämpfen muss. Das ist leider beim Abreiten auf höchstem Niveau immer wieder zu sehen. Ein klassischer Reiter, der seine Förderung aber an der Natur und den Anlagen seines Pferdes ausrichtet, wird sich immer die Zeit nehmen und den Ausbildungsweg einschlagen, welcher seinem Pferd am nächsten kommt und die gemeinsame Leistung allein daran orientieren. Eine Leistung, die bis in die höchsten Klassen sehr wohl messbar, sportlich und wettkampftauglich wäre – das bleibt eben eine Frage der Kriterien.

Mehr Infos zu Christoph Ackermann auf https://www.conde-reitseminare.de