KORREKTUR: Im Print haben wir den Namen von Oberbereiter Rostek fälschlicherweise mit „c“ geschrieben. Das haben wir an dieser Stelle geändert!
Titelfoto: SRS

Der Lipizzanerhengst Neapolitano Nima I. hat Geschichte geschrieben. Mit seinen 40 Pferdelebensjahren – das entspricht 120 Menschenjahren – ist er der älteste Hengst im Verzeichnis der Lipizzan International Federation (LIF). Noch mit 26 Jahren hat der Hengst im „Weißen Ballett“ der Spanischen Hofreitschule in Wien eine perfekte Levade gezeigt, die all seine jungen Kameraden alt aussehen ließ. Der ehemalige Schulhengst begeisterte mit seinem Talent ein Millionenpublikum, darunter zahlreiche Honoratioren und Royals. 2006 verabschiedete ihn sein Bereiter Rudolf Rostek mit einem großen Sack Möhren in den Ruhestand. Den verbrachte Neapolitano Nima I. auf dem Lipizzaner Gestüt in Piber – seinem Zuhause, wo er die grünen Wiesen, tägliches Führtraining und regelmäßige Besuche seines ehemaligen Bereiters genoss. Im August 2019 ist er für immer friedlich eingeschlafen.
Oberbereiter Rudolf Rostek kennt den Lipizzanerhengst Neapolitano Nima I. wie kaum ein anderer. Von Nima I. hat er alles gelernt, was die Hohe Schule zu bieten hat, insbesondere die Levade. Und der Nima? Der hat in dem Oberbereiter seinen menschlichen Partner in Crime gefunden. Im Interview mit ekor lässt uns Oberbereiter Rudolf Rostek an dieser besonderen Beziehung teilhaben.

Herr Rostek, Sie haben Nima I. von Ihrem Kollegen Andreas Harrer übernommen. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste gemeinsame Trainingseinheit mit Nima I.?

Rudolf Rostek: Das ist wirklich lange her. Ich war damals ein junger Eleve und noch ganz am Anfang meiner Ausbildung an der Hofreitschule. Ich habe den Nima damals zunächst nur gepflegt. Herr Harrer war mein zuständiger Oberbereiter. Er hat mich und Nima ganz genau beobachtet, hat mich immer mal wieder auf den Nima gesetzt, ich durfte Nima an der Hand arbeiten. All das ist nicht selbstverständlich. Das hat damals auch einfach sehr gut funktioniert mit uns. Wenn es nicht geklappt hätte, dann hätte Herr Harrer ihn mir niemals anvertraut.

Gab es Anfangsschwierigkeiten im gemeinsamen Training?

Rudolf Rostek: Garantiert! Nima war ein sehr spezieller Hengst, der sich seine Freiheiten genommen hat. Er war unglaublich stur. Ich habe bisher kein anderes Pferd erlebt, das sich so selbstverständlich und stoisch seine Freiheiten nimmt. Aber wenn er sich versammelte und zur Levade ansetzte – das kann ich nicht in Worte fassen. ­
Als Eleve war ich noch getrieben von jugendlichem Leichtsinn. Das war damals auch der Grund, warum es mit Nima und mir so gut geklappt hat. Herr Harrer und Nima haben mich alles gelehrt, was die Hohe Schule ausmacht. Insbesondere Coolness. In den Vorführungen war es, als könne Nima die anderen Pferde zählen. Sobald in der „Schule über der Erde“ der letzte Kamerad die Hufe wieder auf dem Boden hatte, fing Nima an zu galoppieren. Als Bereiter konnte ich dann nur noch so tun, als ob ich alles im Griff hatte. Nima war nicht mehr durchzuparieren. Ich wusste auch, meine Kollegen hätten mich im Anschluss am liebsten gescholten. Aber wir kannten nun mal auch alle den Nima und konnten ­darüber lächeln.

Wie viele Jahre haben Sie mit Nima I. trainiert?

Rudolf Rostek: Um die 15 bis 16 Jahre. Ich habe ihn levieren dürfen, da war er 10 oder 11 Jahre. Kurz danach ist Herr Harrer krankheitsbedingt aus dem Dienst ausgeschieden und ich habe den Nima dann bis zu seiner Pension mit 26 Jahren trainiert. Nima war in dieser langen Zeit an der Hofreitschule nur ein einziges Mal für eine kurze Periode lahm, aufgrund einer kleinen Huferkrankung. Ansonsten war er bis zu seinem 40. Lebensjahr vital. Er war eben in jeder Hinsicht eine Besonderheit! Ihm wäre sonst kein Buch gewidmet worden.

Welche Highlights gab es in Ihrer Zeit mit Nima I.?

Rudolf Rostek: Wir waren lange Zeit ein Team und haben viele Tourneen nach Übersee und Europa unternommen. Wir sind allein dreimal vor der Queen geritten. Sowohl im Wembley Stadion als auch im Buckingham Palace. Das alles ist eine große Ehre. Doch mein größtes Highlight war einfach dieses Pferd, sein Vertrauen in mich und sein unbändiger Leistungswille. Es gab Situationen in denen ich unter dem Sattel spürte wie müde Nima schon ist. Und doch hat er bis zum Schluss durchgezogen. Immer.

Ist Ihnen der Abschied von Nima I. schwer gefallen?

Rudolf Rostek: Absolut. Ich habe immer wieder neue Lipizzaner-Talente, die mich begeistern. Mein Job an der Hofreitschule ist großartig und jeden Tag inspirierend. Jedes neue Pferd lehrt uns Bereiter wieder etwas Neues. Aber der Nima war einmalig. Ich habe ihn auch in seiner Pension bis zu seinem Tod drei- bis viermal im Jahr besucht.

Welchen Wert hatte Nima I. in Zahlen ausgedrückt?

Rudolf Rostek: Das kann ich nicht beziffern. Unsere Pferde sind für uns Bereiter, die Hofreitschule und den Staat Österreich unbezahlbar. Aber gehen Sie davon aus, dass er mindestens die Zahl aufgerufen hätte, die Totilas in seinen besten Jahren gekostet hat.

Sehen wir aktuell Söhne von Nima I. in der Hofreitschule?

Rudolf Rostek: Ja. Zwei. Und sie beide haben das Versammlungstalent und die Levadier-Kunst inklusive der einen oder anderen charakterlichen Eigenheit vom Vater geerbt.

Welchen Rat können Sie privaten Pferdehaltern geben, um ihr Pferd so lange motiviert und gesund zu erhalten, wie es bei den Hengsten der Hofreitschule der Fall ist?

Rudolf Rostek: Es ist immer das Pferd, das das Tempo der Ausbildung vorgibt. Und darauf sollte man als Reiter achten. Die Remontenarbeit muss sauber verlaufen und der jeweiligen Entwicklung des Pferdes entsprechen. In dieser Phase dürfen die Pferde nicht überlastet werden. Es ist immer besser, einen Schritt zurückzugehen, als mit Druck einen weiter. Denn je länger man das Pferd reifen lässt, desto länger und motivierter arbeiten die Pferde später gesund mit. Und man sollte in einen guten Trainer vertrauen und investieren, der auf diesem Weg immer wieder vom Boden aus unterstützt.