Wir haben uns auf die Spuren nach der Essenz einer guten Pferdefütterung begeben und sind im Heu-Lager gelandet. Denn Heu ist in der Pferdefütterung die wichtigste Komponente. Agraringenieurin Daniela Gentz zeigt uns, was gutes Heu ausmacht. Titelfoto: Adobe Stock

Heu ist die Basis einer guten Pferdefütterung. Doch gerade die Dürre im Sommer 2017 hat die Grasnarben der Heuwiesen stark angegriffen. Ein Umstand der die Heuqualität und Menge in einigen Regionen Deutschlands beeinflusst. Das stellt Pferdebesitzer und auch die Heuproduzenten vor wichtige Aufgaben: Wiesen müssen intensiver gepflegt werden, Pferdebesitzer müssen gegebenenfalls Alternativen zu gutem Heu finden. Diplom-Agraringenieurin und Höveler-Produktentwicklerin Daniela Gentz setzt sich in ihren Futterseminaren immer wieder für diese wichtige Basis ein. Denn viele Pferdebesitzer setzen nach wie vor auf gutes Kraftfutter und achten zu wenig auf die Heuqualität.

Pferdekörper und Pferdegeist im Gleichgewicht
Ernährungsphysiologisch betrachtet könnte sich das Pferd rein von Heu ernähren. Das resultiert aus der Geschichte des Pferdes als Pflanzen- und Dauerfresser, der hauptsächlich in der Steppe wohnte und sich von stängeligem, rohfaserreichem, energie- und proteinarmem Steppengras ernährte. Bis zu 16 Stunden beschäftigt sich ein Pferd in der freien Wildbahn mit der Nahrungsaufnahme. Daher ist die Magenfunktion des Pferdes darauf ausgelegt, cellulosereiche Rohfasern – wie etwa Heu und Gras – mikrobiell aufzuschließen.

An dieser Urfunktion haben auch zehntausende Jahre der Domestikation nichts geändert. Wohl aber haben sich die Haltungsweise, die Qualität der Gräser – und damit des Heus – sowie die Anforderungen an unsere Pferde verändert. „Jain. Ein Pferd kann dementsprechend häufig nicht ausschließlich von Heu leben“, sagt Agraringenieurin und Futterexpertin Daniela Gentz. „In der Steppe würden sich Pferde auf die Suche nach den Nährstoffen begeben, die sie gerade brauchen. Unsere Stallpferde sind in dieser Hinsicht auf uns Menschen angewiesen. Mit der reiterlichen Anforderung steigt der Bedarf an Nähr- und Mineralstoffen.“ Unsere Pferde verlassen sich also auf uns, dass wir ihnen qualitativ hochwertiges Heu, Kraft- und Mineralfutter anbieten. „Die Kombination funktioniert für Freizeit- und Sportpferde bis ins hohe Alter fantastisch“, sagt Gentz.

Speichel schützt den Pferdemagen
Regelmäßige Fütterungszeiten, zwischen denen nicht mehr als vier bis maximal sechs Stunden Fresspausen entstehen, vorausgesetzt, trägt die Heuqualität die Hauptverantwortung für das geistige und körperliche Gleichgewicht des Pferdes. Das Zermalmen des getrockneten Grases befriedigt sein Kaubedürfnis und sorgt gleichzeitig für einen ausreichenden Zahnabrieb. Dabei gilt: Je höher der Einsatz von Kraftfutter in der Pferdefütterung ist, desto eher bilden sich Zahnspitzen und Karies. Durch den Kauprozess entsteht im Pferdemaul zudem bicarbonatreicher Speichel, der im Pferdemagen die Säurebildung mildert. Im Dünndarm bleibt durch Heu und Speichel der ph-Bereich optimal, im Dickdarm sichert es die gleichmäßigen Fermentationsprozesse. „Besonders die Speichelproduktion ist für einen gesunden Pferdemagen wichtig. Denn im Magen eines Dauerfressers wird kontinuierlich Magensäure gebildet, die den leeren Magen schädigt“, erklärt Daniela Gentz.

Heu ist in der Pferdefütterung unersetzlich
Ist Heu in der Pferdefütterung also unersetzlich? „Ja. Allerdings kann man Heuknappheit mit verschiedenen Produkten strecken“, sagt die Futterexpertin. Etwa neun Kilogramm Heu sollte ein rund 600 Kilogramm schweres Warmblut täglich mindestens zur Verfügung haben, um seinen Bedarf von rund drei Kilogramm Rohfaser am Tag decken zu können. Damit wäre der größte Teil des Rohfaserbedarfs gedeckt. Über Heucobs, Luzerne­stängel im Kraftfutter und Luzerneheu kann die Heufütterung optimal ergänzt werden. Insbesondere Heucobs wirken sich positiv auf die Verdauungsvorgänge aus und sind damit Balsam für Magen und Darm. „Ich weiß, dass Stroh als Einstreu inzwischen sehr kritisch gesehen wird. Es ist jedoch die artgerechteste Einstreuvariante, sofern die Pferde keine Allergie- oder Verstopfungsprobleme haben“, erklärt Agraringenieurin Daniela Gentz. Ist das Einstreustroh von guter Qualität – das heißt staubarm, trocken und nicht muffig oder schimmelig – mümmeln die Pferde es gern in der Wartezeit auf die nächste Heuration. Auch Heulage kann die Heuration ergänzen, sie hat jedoch einen geringeren Rohfasergehalt als Heu. Aufgrund der höheren Feuchte eignet sich Heulage bei guter Verträglichkeit insbesondere für Pferde mit Atemwegsproblemen.

Qualität ist Trumpf: Heu muss gut sein
Heu ist in erster Linie auch ein Nährstofflieferant für Rohprotein, Rohfett, Spurenelemente, Mineralien und Vitamine. „Die Qualität variiert in dieser Hinsicht jedoch stark. Tests haben gezeigt, dass je nach Ernteort die Konzentrationen an Nährstoffen schwanken, teilweise nicht ansatzweise bedarfsdeckend sind“, sagt Futterexpertin Daniela Gentz. In ihrer Funktion als Futterberaterin durfte sie schon einige Heuproben entnehmen und musste dabei feststellen, dass die Heuqualität in unterschiedlichen Pferdebetrieben deutlich schwankt.


Das liegt laut Gentz häufig daran, dass Landwirte Selbstversorger sind, während Pensionsstallbetreiber ihr Heu dazu kaufen müssen. „Der Heukauf ist eine schwierige Sache und bedarf viel Kenntnis, Vertrauen und auch Glück. Landwirte mit eigenen Flächen haben es meist einfacher. Sie kennen ihre Wiesen, können diese für den eigenen Bedarf optimal pflegen und haben ein gutes Gefühl für den Ernte- und Einlagerungsprozess. Sie wissen, was sie füttern vom Samen bis zum Heuhalm“, erklärt Daniela Gentz. Wer Heu dazu kauft, weiß selten, woher es stammt, welche Pflege die Wiese erfahren hat und unter welchen Bedingungen es geerntet wurde. Die gute Nachricht ist: Anhand von vier Komponenten kann jeder Pferdebesitzer die Heuqualität prüfen.

Heuqualität: Struktur, Geruch, Farbe, Hygiene
Agraringenieurin Daniela Gentz greift in einen Rundballen Heu und zieht ein Büschel heraus. „Qualitativ hochwertiges Heu hat viel Struktur, lässt sich leicht auseinanderziehen und ist nicht feucht“, erklärt sie. Der ideale Erntezeitpunkt für Heu ist eben dann, wenn das Knaulgras in voller Blüte steht. Das lässt sich gut an den Pollenbeuteln erkennen, die dann aus der Rispe heraushängen – etwa Mitte Mai bis Mitte Juni. Findet die Ernte später statt, sinkt der Anteil der Rohfaser und guten Nährstoffe, der Gehalt des unverdaulichen Lignins hingegen steigt.


Giftpflanzen wie Herbstzeitlose, Jakobskreuzkraut oder gefleckter Schierling machen das Heu für Pferde ebenso ungenießbar und lebensgefährlich wie eine mangelnde Hygiene. Gentz teilt das Büschel, begutachtet es genau. „Sind in einem Rundballen viele Erdklumpen und entsteht schon beim Abtrennen einer Partie viel Staub, spricht das für einen schlechten Ernteprozess, Verunreinigung und eine eher bedenkliche Qualität“, erklärt sie. Das Pferd steckt seine Nase gern tief in seinen Heuberg hinein, um sich die besten Stängel selbst rauszusuchen. Der Staub landet daher ungefiltert in seiner Nase und führt langfristig betrachtet zu Atemwegsproblemen. „Die machen sich insbesondere im Winter bemerkbar. Aufgrund der Witterung sind viele Ställe dann schlechter belüftet“, sagt Daniela Gentz.


Sie schaut sich das Büschel Heu noch etwas genauer an und riecht schließlich daran. „Gutes Heu duftet aromatisch nach getrocknetem Gras und hat eine hell- bis olivgrüne Farbe“, erklärt sie. Riecht Heu hingegen moderig, hat es schwarze Stellen oder einen silbrigen Überzug, ist das ein Hinweis auf eine hohe Verpilzung, Schimmel und Fäulnis. „Obacht! In diesem Fall sollten Sie das Heu auf keinen Fall Ihrem Pferd anbieten und den Stallbetreiber auf den Umstand hinweisen. Denn Pilze und Bakterien lassen sich im Gegensatz zu Staub nicht aus dem Heu wässern“, rät Futterexpertin Daniela Gentz. Eine ständiger Eintrag von Schimmel und Mykotoxinen (Schimmelpilzgifte) in den Verdauungstrakt des Pferdes kann schwere Folgen haben, zu Koliken führen und im allerschlimmsten Fall tödlich enden. Ist Heu übrigens etwas „ausgewaschen“ heißt das nicht unbedingt, dass es schlechte Qualität hat. Vielmehr hat das Wetter während der Ernte nicht mitgespielt und das Heu ist während der Trocknung nass geworden.

Heu: In Massen oder in Maßen?
Das hängt laut Gentz ganz vom Pferd ab. Grundsätzlich gilt die Regel: 1,5 Kilogramm Heu pro 100 Kilogramm Lebendgewicht reichen aus, um ein Pferd gesund zu füttern. Von Rasse, Alter, Nutzung und Haltung hängt ab, ob und wie viel zusätzliches Kraftfutter ein Pferd braucht.


Heu ad libitum, also Heu ohne Grenzen, macht nur dann Sinn, wenn sich das Pferd entsprechend bewegt. „Wie bei uns Menschen auch, führt ein Kalorienüberschuss zu überflüssigen Pfunden“, sagt die Futterexpertin. Um die Fresszeit des Heus zu strecken, rät Gentz zu Futternetzen oder Heuraufen. Die Pferde haben auf diese Weise eine weitere Beschäftigung und fressen ihre Rationen entsprechend langsamer. Wichtig: Netze und Raufen sollten in der natürlichen Fressposition des Pferdes angebracht sein, um ein dauerhaftes Überstrecken des Rückens zu vermeiden. Zupft das Pferd sein Heu zudem aus der Höhe, rieselt ihm der Staub direkt in die Nase und löst häufig Atemwegsprobleme aus.

Heu-Qualität
Gutes Heu leuchtet hell- bis olivgrün, duftet aromatisch und enthält viel Struktur durch Gräser. Foto: Adobe Stock

HEU-LEXIKON

Heu
Als Heu bezeichnen Landwirte den ersten Schnitt einer Heuwiese. Bester Zeitpunkt für Pferdeheu: Mitte Mai bis Mitte Juni.

Grummet 
Pferde-Heuwiesen können im Optimalfall bis zu dreimal im Jahr geschnitten werden. Die Erzeugnisse, die nach dem ersten Schnitt entstehen, gelten unter Landwirten als Grummet (auch „Grünmat“ genannt, abstammend von „grüne Mahd“).

Heulage
Aus dem ersten Schnitt der Heuwiese kann Heulage gewonnen werden. Während Heu für die Ernte auf eine Restfeuchte von 20 Prozent getrocknet wird, hat Heulage eine Restfeuchte von 45 bis 60 Prozent. Ist dieser Feuchtestatus erreicht, wird Heulage gepresst und foliert. Je nach Rohfaser­gehalt haben 1,4 Kilogramm Heulage den Nährstoffgehalt von 1 Kilogramm Heu.

Luzerne
ist eine kleeähnliche Pflanze, die in der Fütterung sehr ergiebig ist. Sie enthält einen hohen Anteil an essentiellen Aminosäuren und unterstützt Pferde dadurch im Muskelaufbau. Oftmals wird sie als Grünmehl für Pellets geerntet, selten als Heu.

Einlagern
Frisch geerntetes Heu kann Pferden nicht sofort gefüttert werden. Es hat nach der Ernte noch eine Restfeuchte von ca. 20 Prozent, schwitzt nach und ist dadurch Nährboden für Keime und Bakterien. Frisches Heu muss mindestens acht Wochen eingelagert werden, bevor die Pferde es fressen können.


EXPERTIN

Futterexpertin Daniela Gentz

Daniela Gentz hat ihren Diplom-Abschluss in Agraringenieurwesen an der Rheinischen Friedrich-Willhelms-Universität zu Bonn absolviert. Seit sieben Jahren ist sie Teil des Höveler-­Teams und entwickelt für den Futterhersteller Produkte, die auf die natürlichen Bedürfnisse der Pferde abgestimmt sind und die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in dieser Hinsicht mitberücksichtigen.
Als Dozentin teilt Gentz ihr Wissen unter anderem in regelmäßig stattfindenden Futterseminaren für die Persönlichen Mitglieder der FN und Landwirtschaftskammern. Foto: Hoeveler