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Autorin: Gabriela Grau

Heute sind weltweit über 540 Pferderassen bekannt. Sie sind durch kluge Kreuzungen der einzelnen Pferdetypen entstanden, haben sich gegenseitig veredelt und weiterentwickelt. Die Pferdezucht reifte mit dem jeweiligen Nutzen aus, den der Mensch schon vor tausenden Jahren im Pferd erkannte. Bevor die Menschen tatsächlich sesshaft wurden, reisten sie umher, stießen so immer wieder auf neue Pferderassen, mit Merkmalen, die in Kombination mit ihren eigenen Pferden eine bessere Nutzung des Tieres ermöglichten. Die Kreuzung in den Anfängen der Pferdezucht entsprach längst keinen übergeordneten systematischen Zuchtzielen, folgte keinem Zuchtbuch und wurde schon gar nicht von verschiedenen Zuchtverbänden organisiert. Sie unterlag den Kriterien: Gefallen und Kreuzungsmöglichkeit. Das Ergebnis war eher Zufall. Die heutige Pferdezucht dagegen folgt einem strengen Reglement. Weibliche und männliche Vererber werden streng selektiert, dem rassetypischen Zuchtziel entsprechend bewertet und schließlich miteinander gekreuzt, um das bestmögliche Ergebnis zu zeugen. Der Mensch hat in diesem Prozess eine maßgebliche Rolle, denn seine Arbeit mit dem Pferd hat ihm die Zuchtziele diktiert. Immer mehr mussten die Tiere einem menschlichen Ideal entsprechen. Ein historisches Überbleibsel, das bis heute Bestand hat.
Das Thema Zucht ist groß, teilweise heiß umstritten und so vielfältig wie die einzelnen Pferderassen selbst. Deshalb haben wir uns für diesen Artikel einige spezielle Fragen gestellt: Was bewegt einen privaten Pferdehalter zur Zucht? Wie funktioniert der Einstieg in das Züchterleben? Welche Zuchttrends zeigen die deutschlandweit beliebtesten Pferderassen aktuell auf? Und wieso brauchen wir eigentlich Embryo Transfer und Genomische Selektion?

Vavavoom, ein Vidar-Sohn, ist der ganze Stolz von Jungzüchter Patrick Thomalla. Im Interview verrät er uns,
wie der Einstieg in die Pferdezucht klappen kann. Foto: Patrick Thomalla
Vavavoom, ein Vidar-Sohn, ist der ganze Stolz von Jungzüchter Patrick Thomalla. Im Interview verrät er uns,wie der Einstieg in die Pferdezucht klappen kann. Foto: Patrick Thomalla

Züchter aus Leidenschaft

Endlich ein Fohlen von der Lieblingsstute – diesen Traum haben viele Pferdehalter. Auch Patrick Thomalla. Uns nimmt er mit in die Welt der Jungzüchter.

Wieso Patrick Thomalla züchtet? Diese Frage kann er uns im Gespräch schnell beantworten: aus Leidenschaft. Schon mit 14 Jahren entwickelte sich in seinem Kopf die Idee, von seiner Stute Nachkommen zu erhalten. „Es kam damals natürlich erstmal anders“, erinnert sich Patrick Thomalla. „Ich durfte mir von meinem Jugendweihe-Geld mein erstes Pferd kaufen. Eigentlich sollte das die Stute werden, die meine Zucht begründet. Es wurde mein Wallach Salomon.“ Zehn Jahre später traf Thomalla aber auf seine Traumstute Ipanema, eine nahe Verwandte seines ersten Pferdes und die Begründerin seiner eigenen privaten Zucht. Sein Ziel: „In erster Linie will ich mir von meinem liebgewonnenen Pferd möglichst lange etwas bewahren. Und zum anderen will ich robuste Pferde für den Freizeitbereich haben. Eher zufällig zeigt meine Auswahl aber auch eine sehr gute Anlage für den Sport“, erklärt der junge Züchter. Um hier die richtige Entscheidung für den Hengst zu treffen, schaut sich Patrick Thomalla seine Stuten Ipa und Emmi genau an. Ihre Grundlagen entscheiden, welcher Hengst in Frage kommen kann. Denn in der Anpaarung vererbt die Stute 60 Prozent und der Hengst 40 Prozent der Anlagen. „Ipa hat einen hohen Vollblutanteil, ist unter dem Sattel feurig und vom Körperbau zierlich“, erklärt der junge Züchter. „Für sie wähle ich in der Hauptsache Hengste mit guter Dressuranlage aus, die etwas kräftiger sind.“
Emmi hingegen ist eine leichtfuttrige Stute, die schnell dazu neigt, zu dick zu werden. Sie ist vielseitig veranlagt und springt für ihr Leben gern. „Daher paare ich sie mit leichten Hengsttypen an. Und gerade mein aktuelles Fohlen hat mir gezeigt, dass diese Entscheidung richtig ist“, sagt Patrick Thomalla. Mit dem Hengstfohlen Vavavoom, einem Vidar-Sohn, hat sich der Lebenstraum des jungen Züchters vollendet.

Artgerecht und der Entwicklung des Pferdes entsprechend – auf diese beiden Kriterien setzt Jungzüchter Patrick unter andrem in seiner Haltung. Foto: P. Thomalla
Artgerecht und der Entwicklung des Pferdes entsprechend – auf diese beiden Kriterien setzt Jungzüchter Patrick unter andrem in seiner Haltung. Foto: P. Thomalla

Den richtigen Hengst finden

„Zucht ist am Anfang tatsächlich immer ein Ausprobieren. Du weißt beim ersten Fohlen nicht, ob dein Plan aufgeht oder nicht“, erklärt Patrick Thomalla. „Zu Beginn habe ich mich auch viel mit erfahrenen Züchtern unterhalten, um mein Auge und Wissen zu schulen.“ Er empfiehlt Zuchtunerfahrenen im Hinblick auf die Hengstauswahl erstmal auf das Gefühl zu hören, den Kandidaten auszuwählen, der gefällt und im Hinblick auf den Lebenslauf passt. „Ich werfe zusätzlich immer einen Blick in die Protokolle der Jungpferdeprüfung. Darin wird deutlich, welche Merkmale die Stute mitgegeben hat“, sagt Thomalla. „Später, wenn man sich schon etwas mit dem Thema befasst hat, sieht man auch eher, was man will und was nicht. Das Auge für den passenden Hengst schult sich automatisch, je mehr Hengste man sich ansieht.“

Der Einstieg in die Zucht

Bevor die Hengstfrage aber überhaupt wichtig wird, muss der Pferdehalter Mitglied in einem Zuchtverband werden. Denn an dessen Vorgaben sortiert sich die Checkliste, die vor der Besamung beachtet werden muss. „Welcher Verband da der passende ist, ist individuell. Ich habe mich für den entschieden, bei dem ich nicht hunderte Kilometer zur Zuchtschau fahren muss“, sagt Patrick Thomalla. „Das war in meinem Fall der Verband Deutsches Sportpferd. Zu den Zuchtschauen kann ich mit Fohlen bei Fuß reiten. Mein Hengstfohlen hätte ich zum Beispiel auch beim Hannoveraner Verband melden können, weil beide Eltern als Hannoveraner eingetragen sind.“ Eine Ausnahme bilden da häufig die Spezialrassen, wie Friesen, Isländer und Spanier. Sie sind in der Regel in eigenen Verbänden organisiert.

Mutti-Gymnastik: Für Jungzüchter und Schabracken-Designer Patrick Thomalla ist die angepasste Bewegung seiner Zuchttiere wichtig, um sie gesund zu erhalten. Die Ausritte mit Fohlen zählen für ihn zu den schönsten im Jahr. Foto: 4eternityphoto
Mutti-Gymnastik: Für Jungzüchter und Schabracken-Designer Patrick Thomalla ist die angepasste Bewegung seiner Zuchttiere wichtig, um sie gesund zu erhalten. Die Ausritte mit Fohlen zählen für ihn zu den schönsten im Jahr. Foto: 4eternityphoto

Gutes Management ist wichtig

Sind die formalen Bedingungen geklärt, beginnt das Zuchtstuten-Management. Schon vor Beginn der Zuchtsaison, d.h. vor der ersten Rosse seiner Stuten, stellt Thomalla sie beim Tierarzt vor und lässt sie tupfern, also auf pathogene Keime und CEM (Gebärmutterentzündung) untersuchen. Einmalig lässt er alle seine Zuchttiere auf den Gendefekt Warmblood Fragil Foal Syndrome (WFFS) untersuchen. Ein Fohlen mit WFFS ist in der Regel nicht lebensfähig. Ein Pferd mit WFFS ist für die Zucht nicht automatisch ausgeschlossen. Bei der Anpaarung muss jedoch genauer gewählt werden. Für Thomalla ist der Test also eine Investition in die Zukunft. Ist einmal belegt, dass ein Pferd WFFS negativ ist, sind auch die Nachkommen negativ. Auch in dieser Hinsicht bilden die Spezialrassen eine Ausnahme: Rassespezifisch gibt es verschiedene Gendefekte, die es zu beachten gilt. In diesen Fragen hilft der zuständige Zuchtverband weiter.
Bewegung für tragende Stuten

Passt die Checkliste bis dahin, übernehmen die Stuten selbst das Kommando. „Dann warte ich auf die erste Rosse“, sagt Patrick Thomalla. Seiner Erfahrung nach spielt das Wetter bei der Stutenrosse eine wichtige Rolle. Ist das Frühjahr warm und sonnig, beginnt die Rosse früher. Ist es kalt und feucht, zögern die Stuten ihre Paarungsbereitschaft gern hinaus. „Wichtig ist mir, dass die Stute vor der Besamung gut mineralisiert und nicht zu dick ist. Dann nehmen sie besser auf“, erklärt er. Passende Ernährung und regelmäßige Gymnastizierung sind für Patrick Thomalla das A und O. „Ich bin hauptberuflich Fitnesstrainer. Und ich stelle mir das bei Stuten ähnlich vor, wie bei einer Frau. Ist eine Frau sportlich und achtet auf ihre Ernährung, kann sich das auf das Kind übertragen“, erklärt er. „Deshalb halte ich meine Stuten gut in Schuss, passe die Ernährung regelmäßig an den Leistungsstand an und bewege sie ausreichend. Dazu kommt meine Haltungsform im Offenstall, wo meine Pferde hauptsächlich draußen auf ihrem Auslauf leben und rund um die Uhr mit Heu versorgt sind.“
Schönste Zeit im Zuchtjahr

Gymnastiziert werden seine Stuten auch in der Trächtigkeit – in den ersten 40 Tagen nach der Besamung möglichst locker und ohne Stress, um kein Abstoßen des Embryos zu riskieren, anschließend dem körperlichen Leistungsvermögen entsprechend, ohne Stressbelastung bis zum achten Trächtigkeitsmonat. „Für manche Pferde bedeutet es Stress, wenn sich an ihrem gewohnten Ablauf plötzlich etwas ändert. Nun reite ich meine Pferde regelmäßig im Gelände, um sie gesund zu erhalten. Das könnte also Stress werden, wenn sie dann nur noch rumstehen, daher behalte ich die regelmäßige Bewegung bei. In den drei übrigen Trächtigkeitsmonaten vor dem Geburtstermin fahre ich das Programm sehr runter und hänge die Stuten maximal für wenige, ruhige Runden an die Longe“, sagt der junge Züchter. Nach der Geburt nimmt Patrick Thomalla seine Stuten schnell wieder in die Arbeit. Für ihn die schönste Zeit im Jahr. „Ich fange locker an der Longe an, damit sich meine Damen wieder an den Arbeitsmodus gewöhnen. Etwa sechs Wochen nach der Geburt setze ich mich dann für wirklich kurze Einheiten von maximal fünf bis zehn Minuten in den Sattel und gehe mit Mama und Fohlen ins Gelände“, sagt er. Die abwechslungsreiche Bewegung und die zahlreichen Erfahrungen, die die Fohlen bei diesen Ausritten machen, unterstützen ihre körperliche und geistige Entwicklung positiv und sichtbar.

Embryotransfer – Leihmutterschaft in der Pferdewelt

Kann eine Stute Topsportlerin sein und gleichzeitig mehrfache Mutter werden, ohne auch nur einen Tag aus dem sportlichen Pensum auszusteigen? Mit Hilfe der neuesten veterinärmedizinischen Erkenntnisse ist das möglich. Die Methode ist unter dem Begriff Embryotransfer bekannt und bezeichnet mehr oder weniger die Leihmutterschaft in der Pferdewelt. Über dieses Verfahren können herausragende Sportstuten in einer Saison sportliche Höchstleistungen erbringen und mehrere Fohlen bekommen. Um das zu erreichen, werden die Spenderstuten gedeckt. War die Besamung erfolgreich, wird die Gebärmutter der Spenderstuten etwa sieben bis neun Tage nach der Besamung ausgespült. Der Embryo wird im Labor auf seine Qualität geprüft, gewaschen und anschließend in die Empfängerstute – als Leihmutter – eingesetzt. Sie trägt das Fohlen aus und übernimmt die Aufzucht. Die Spenderstute kann mit der nächsten Rosse erneut besamt werden, um einen weiteren Embryo für eine neue Empfängerstute zu produzieren. Daher kann eine Stute in einer Zuchtsaison gleich mehrere Fohlen erzeugen. Der Embryotransfer ist nicht nur ein attraktives Verfahren für Sportstuten, sondern auch für diejenigen Stuten, die gute Anlagen haben, jedoch aus körperlichen Gründen selbst keine Fohlen austragen können. Das gilt auch für Zuchtstuten, die bereits zu alt geworden sind, aber herausragendes Erbgut besitzen. Sie können weiterhin gesunde Fohlen produzieren, obwohl ihr Körper nicht mehr in der Lage ist ein Fohlen auszutragen.

Ein Fohlen, zwei Mütter – der Embryo Transfer macht‘s möglich. Foto: Adobe Stock
Ein Fohlen, zwei Mütter – der Embryo Transfer macht‘s möglich. Foto: Adobe Stock

Management der Stuten wichtig

Um einen erfolgreichen Embryotransfer durchzuführen, müssen die Zyklen von Spender- und Empfängerstute aufeinander synchronisiert werden. Der Eisprung von Empfänger- und Spenderstute darf nur wenige Tage auseinander liegen, im Idealfall 48 Stunden. Die Chancen für einen erfolgreichen Transfer steigen dann. Ein Embryotransfer findet meistens in einer Pferdeklinik statt, um die nötigen Untersuchungen und Eingriffe zielgerichtet durchführen zu können.

Kriterien der Empfängerstute

Besonders als Empfängerstuten geeignet sind Pferde unter zehn Jahren. Sie sollten eine gute Fruchtbarkeit aufweisen, ausreichend Milch produzieren, einen gutmütigen Muttercharakter haben und der Größe der Spenderstute entsprechen. Diese Kriterien lassen sich am zuverlässigsten beurteilen, wenn die Empfängerstute bereits eigene Fohlen ausgetragen hat.

Genomische Selektion – Was bringt die Auswahl?

Hat mein Pferd züchterisch wertvolle Anlagen? Um diese Fragen genau zu beantworten, müssen in der aktuellen Zuchtwertschätzung einige Jahre ins Land ziehen. In dieser Entwicklungsphase hat das Pferd Zeit, sich zu entfalten und seine Anlagen unter Beweis zu stellen. Hat es eine hohe Fruchtbarkeit? Ist es leistungsfähig und gesund? Vererbt es bestimmte Krankheiten? Ohne eine gewisse Lebens- und Leistungszeit des Pferdes ist das bisher erst spät halbwegs einschätzbar gewesen. Erste Schätzungen sind im sechsten bis achten Lebensjahr des Pferdes möglich, die Erbleistung dagegen kann frühestens mit dem elften Lebensjahr des Pferdes beurteilt werden.

Gen-Analyse präzisiert

Doch die Veterinärmedizin spezialisiert sich im Hinblick auf die Antwort für all diese Fragen zunehmend auf die Theorie der Genomischen Selektion. Das bedeutet: Das Erbgut des Pferdes kann über eine Analyse der Genome, die sich im Zellkern des Tieres befinden, eingeschätzt werden. Aktuell passiert das über einen Vergleich der genomischen Information. Dabei werden die Werte von wertvollen Zuchtstuten und -hengsten mit denen von jungen, potentiellen Zuchtpferden verglichen. Über eine Haarprobe liegen die genomischen Informationen schon wenige Tage nach der Geburt des Fohlens vor. Der niederländische Zuchtverband KWPN nutzt dieses Verfahren bereits, um die Erblichkeit von Knochenerkrankungen überprüfen zu können. Die Gen-Analyse ersetzt in dieser Bewertung die Röntgendiagnose.

Genomik-Experten wie Dr. Mario von Depka Prondzinski plädieren für eine Berücksichtigung der genetisch optimierten Selektion, aber in Maßen. Denn die augenscheinliche Beurteilung der Zuchttiere kann durch die Genomische Selektion nicht vollständig ersetzt werden.